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Close To Home (von iesika) | Teil 6/18 - tenten31 - 11.08.2020 Samstag Die Beerdigung war ziemlich furchtbar, so wie es Beerdigungen immer waren. Kon kam sich in Clarks altem Anzug ungelenk und unbequem vor. In der Kirche war es heiß und stickig, kam die uralte Klimaanlage doch nicht gegen die Körperwärme der Menge und den für Kansas so typisch sonnigen Morgen an. Die meisten Frauen hielten quadratische Papierfächer an Holzstäben in Händen und die, die keine hatten, fächerten sich träge mit ihren Programmheften Luft zu. Martha hatte einen handbemalten, zusammenfaltbaren Bambus-Fächer aus China in ihrer Handtasche – Clark hatte ihn ihr nach seiner ersten Reise dorthin mitgebracht und das Ding bekam immer jede Menge Bewunderung in ihrer Damen-Kirchengruppe. Heute saßen diese Frauen alle in einer Reihe relativ weit vorne in der Kirche und Martha tätschelte ihm den Arm und ging, um sich zu ihnen zu setzen. Erst als sie sich auf die Kirchenbank setzte, bemerkte Kon, was genau an der Szene so befremdlich erschien. Die Frauengruppe war eigenartig dezimiert, viele der prominentesten Mitglieder waren auffällig abwesend. Die Frauen, die anwesend waren, überschnitten sich größtenteils mit Marthas Buchclub und waren diejenigen, die am öftesten zu Kaffee und Kuchen auf der Farm vorbei kamen. Kon sah sich um und runzelte bei dem erkennbaren Muster die Stirn. Die Kirche war voll, ja – in einem Dorf konnte man keinen Teenager beerdigen, ohne dass die Kirche voll wurde – aber sie war nicht so voll, wie sie hätte sein können. Nicht so voll wie sie vor sechs Monaten gewesen war, als Lacey Pruitt sich das Gehirn weg getrunken und das Auto ihres Vaters um einen Baum gewickelt hatte. Cross war da – wahrscheinlich kam er zu allen Beerdigungen von Schülern – und Dalton ebenfalls, relativ weit vorne, mit einem kleinen Mädchen mit roten Zöpfen auf seinem Schoß. Praktisch alle aus dem Club waren da, obwohl er Chase nirgends entdeckte. Und mit Ausnahme von Clarence und Delilah, die bei Rebecca und den Moores saßen, hatten sie sich alle verteilt. Jake und sein Dad saßen zusammen zwei Reihen hinter Martha, zusammen mit einer dunkelhaarigen jungen Frau, die wahrscheinlich Nell war. Hamilton saß in der drittletzten Reihe bei ein paar Jungs vom Football-Team und – Kon stutzte – Baumhauer, dem Arsch aus seinem Bio-Kurs. Aus dem Augenwinkel sah Kon, wie Patrick Stephens leise zur großen Doppeltür herein schlich. Kon hastete um das Ende der letzten Reihe herum und setzte sich dorthin, weit weg von der Tür und außer Sichtweite. *
Als der Gottesdienst vorbei war, wartete Kon, bis Stephens gegangen war, bevor er durch die Tür und hinaus in die Sonne schlüpfte. Er machte ein paar Schritte weg vom Weg, um niemanden zu behindern und lehnte sich mit dem Rücken gegen eine der großen Buchen, die den Weg säumten. Martha benötigte bei jedem sozialen Zusammentreffen mindestens 10-15 Minuten, um überhaupt aus der Tür zu kommen, und er schätzte, bei einer Beerdigung würde es sogar noch länger als sonst dauern. Aber es war ein sonniger Tag und die Sonnenstrahlen fühlten sich echt gut an. Allerdings wünschte er, er würde nicht in einem beschissenen Anzug festsitzen. Es würde ein schöner Flug zum Tower werden. Er hatte auf der Wetterkarte nachgesehen und der einzige Regen auf seinem Weg war über Colorado. Er könnte ein wenig südlicher fliegen und dem ganz entgehen, und wäre immer noch vor der erwarteten Zeit in San Francisco. Es gab kein Grab – Matt hatte anscheinend eingeäschert werden wollen – so dass sie viel früher fertig waren als Kon erwartet hatte. Die Menge lief noch ein wenig auf dem Rasen umher. Die meisten Leute trieb es schließlich zu den Autos beiderseits der engen Straße, aber ein paar kleinere Grüppchen standen noch herum und unterhielten sich oder genossen einfach den schönen Tag. Die Sonne fühlte sich tatsächlich richtig gut an. Kon hatte sich die ganze Woche schon ziemlich ausgelaugt gefühlt. Er streckte sein Gesicht der Sonne entgegen und schloss die Augen, sonnte sich einfach und versuchte nicht den Gesprächen um ihn herum zu lauschen. Er wollte einfach nur das Sonnenlicht in sich aufsaugen, wie eine Pflanze. Immer wieder einmal witzelte Martha, dass sie ihn eigentlich in die Erde stecken und gießen sollte. Manchmal fand Kon, dass das nach einer ziemlich guten Idee klang. „Hey“, sprach ihn jemand an. Kon öffnete die Augen und fand Jake am Wegesrand stehen, seine Hände in den Taschen vergraben und sein Blick anscheinend von etwas über Kons linker Schulter abgelenkt. „Hey“, erwiderte Kon. „Hast du Hunger?“ Kon sah hinauf zur Sonne. Es war wahrscheinlich etwa halb elf und er hatte den anderen gesagt, dass er ungefähr mittags käme. „Oder, ähm, willst du Kaffee oder so? Nell spricht grad noch mit deiner Tante wegen den Eiern, aber ich hab ihre Schlüssel und…“, brach er ab. Nach ein paar weiteren Sekunden zwang er sich ganz offensichtlich dazu, Kons Blick zu begegnen. „Ich würd gern mit dir reden.“ Kon lächelte. „Klar.“ Die Titans waren es inzwischen sowieso gewöhnt, dass er zu spät kam. Sie gingen schweigend nebeneinander her, die Straße hinunter und bogen dann ab zu dem kleinen Diner, das irgendwann während Kons Abwesenheit aufgemacht hatte. Das Schild über dem Fenster verkündete in großen grünen Lettern: ‚Whoa Nellie’s All-Natural Eatery‘. Jake winkte jemandem auf der Straße zu, als er die Tür aufschloss und weit öffnete. „Komm mit nach hinten in die Küche“, meinte er, „Wenn ich vorne die Lichter anmach, denken die Leute noch, dass wir geöffnet haben.“ Kon folgte ihm durch das dunkle Restaurant. Die Tischnischen und Hocker am Tresen waren alle in demselben fröhlichen Grün wie das Schild gehalten und über den meisten Tischen hingen Bilder, die ebenfalls viel Grün enthielten. Dabei handelte es sich hauptsächlich um schwungvolle, halbabstrakte Porträts von Gemüse. Auf dem Weg zur Küche kamen sie aber auch an einer Wand vorbei, an der Leinwände ohne Rahmen hingen, die sich wie ein Puzzle zusammenfügten, mit schmalen Abständen dazwischen für kleine Papieranhänger. „Hast du die alle gemalt?“, fragte Kon und hielt an, um sie sich anzusehen. „Oh. Ja.“ „Wow.“ Jake drückte eine Schwingtür auf. „Mir ist oft langweilig“, meinte er nur, bevor er in die dunkle Küche verschwand. Die Lichter – kalte Neonröhren – flackerten an und Kon folgte ihm. Er war schon in ein paar Restaurantküchen gewesen, meistens wenn er Bösewichte verfolgte oder riesige Kakerlaken-Monster bekämpfte. Diese Küche hier war ziemlich sauber und offensichtlich ziemlich neu. Die Edelstahl-Armaturen glänzten, als wären sie aus Chrom und es gab auch nicht viel Dreck in irgendwelchen Ritzen. „Ich frag mich echt, wie du das machst. Du arbeitest hier auch noch? Und im Laden?“ „Ich helf vor der Schule, alles herzurichten für den Andrang zum Frühstück. Und manchmal bedien ich auch fürs Trinkgeld, wenn im Laden nichts los ist.“ Er zuckte die Schultern. „Ich… hab im Grunde kein großartiges Sozialleben.“ Kon spürte eine Welle von Zugehörigkeitsgefühl. „Wie ich auch.“ „Genau.“ Jake sah einen Moment auf, der Blick aus seinen blauen Augen auf einmal intensiv. Dann wandte er sich ab, um die riesige, extravagante Kaffeemaschine zu bedienen. „Ich hatte noch nie jemanden, mit dem ich reden konnte. Ich – ich mein, Nell wär glaub ich cool damit, aber ich kann nicht von ihr verlangen, Dad anzulügen und ich hab keine Ahnung, wie er reagieren würde.“ Oh! Kons Augen weiteten sich. Oh! Aber Jake war gerade damit beschäftigt, Kaffee in die Maschine zu löffeln und konnte sein Gesicht nicht sehen. Kon nahm an, das war wahrscheinlich besser so. „Er ist bei den komischsten Dingen ziemlich altmodisch…“, fuhr Jake fort und seufzte. Kon scharrte leicht mit den Füßen. „Ich könnte… vielleicht Ma bitten, mal vorzufühlen bei ihm?“ Jake ließ von der Maschine ab und wandte sich zu Kon um, eine leichte Panik in seinem Blick. „Oder auch nicht. Ähm.“ Scheinbar war das hier eins dieser Gespräche, in denen der Zuhörer nur mitfühlende Laute von sich geben sollte und keine Ratschläge. Die Maschine hörte auf zu dampfen, Jake drehte sich wieder um und zog an einem Hebel. Kon konnte plötzlich den Kaffee riechen, stark und dunkel und gut – und vielleicht entrang sich auch ein kleiner, lustvoller Laut seiner Kehle. Es roch wie Alfreds Kaffee, der sowas wie der beste Kaffee aller Zeiten war und den er schon viel zu lange nicht mehr getrunken hatte, weil Tims Familie es verdammt nochmal nicht schaffte, sich zusammenzuraufen. „Ich denk mir immer wieder“, fuhr Jake fort, „dass ich nächstes Jahr ja sowieso studieren will und dann ganz woanders bin und mich nicht mehr fühl, als ob mir die ganze Welt ständig über die Schulter schaut. Dad will, dass ich auf die State geh, aber ich hatte vielleicht gehofft – das ist dumm.“ Kon gab hoffentlich den richtigen mitfühlenden Laut von sich. Es schien immerhin zu helfen, denn Jake drehte sich wieder um, warf ihm aber über seine Schulter noch ein Lächeln zu, bevor er aus einem Regal zwei Becher hervorzog. Sie passten nicht zusammen und an einem davon war ein Stück herausgebrochen. Kon glaubte nicht, dass sie für Gäste gedacht waren. „Meine Noten sind relativ gut. Wenn ich über ein Kunst-Stipendium noch etwas Geld bekomm, vielleicht in einer großen Stadt…“ „Ich wette, das bekommst du bestimmt.“ Jake schüttelte den Kopf. „Vielleicht hab ich das alles in meinem Kopf schon zu sehr hochstilisiert… ‚Dorf-Homo flieht in die große Stadt!‘ Aber ich bin noch nie wirklich aus Lowell County rausgekommen.“ Die Maschine hörte auf zu dampfen und er zog den Hebel zurück nach oben und füllte beide Becher mit dampfend heißem schwarzem Kaffee aus einem Edelstahlkrug. „Du hast in Metropolis gelebt, richtig? Bei deinem Cousin?“ Das war die Geschichte, die sie den Leuten erzählt hatten, also nickte Kon, als er den Becher von Jake entgegen nahm. Darauf war ein Bild von einer Zeichentrick-Katze. „Gibt‘s da viele… Ich mein, denkst du, dass ich dort hinpassen würde? Also jedenfalls besser?“ Kon atmete tief das Aroma des Kaffees ein und schenkte der Frage die Beachtung, die sie verdiente. Sie unterschied sich nicht so sehr von derjenigen Frage, die er sich selbst gestellt hatte, bevor er zurück nach Smallville gekommen war. „In einer großen Stadt gibt es alle möglichen Arten von Leuten. Es ist einfacher, nicht aufzufallen und andere Leute zu finden, mit denen du was gemeinsam hast. Aber alle möglichen Arten von Leuten gibt‘s überall. Sieh dir nur mal an, wie viele Leute gestern in der Bibliothek waren.” „Stimmt“, meinte Jake leicht bitter. „Aber es musste zuerst jemand zu Tode geprügelt werden, bevor auch nur irgendwer von uns mutig genug war, was zu sagen. Scheiße, ich hab immer noch niemandem was gesagt. Du bist der einzige, dem—“ Er hielt inne und nahm einen Schluck Kaffee, was für Kon das Stichwort war, dass er weit genug abgekühlt war, um ihn trinken zu können. Er nahm einen großen Schluck, atmete durch die Nase aus und ließ sich die Flüssigkeit auf der Zunge zergehen. „Oh“, machte Jake plötzlich, „Willst du eigentlich Milch oder—“ Kon schüttelte den Kopf und schluckte herunter. „Gott, mach ihn bloß nicht kaputt!“ Jake lachte. „Ja. Bei dem Zeug, das Dad kauft, brauch ich Milch rein. Das hier ist irgend so ein schicker handgerösteter Fair-Trade-Kaffee… Was weiß ich, was der noch alles ist. Da musst du Nell fragen. Er schmeckt aber echt gut.“ Er nahm noch einen kleinen Schluck von seinem Kaffee, sah aber nicht mehr zu Kon auf. Stattdessen ruhte sein Blick auf dem angeschlagenen Superman-Becher in seinen Händen, seine Stimme leise und zaghaft. „Sie weiß es vielleicht.“ Dass sie nicht mehr über Kaffee redeten, war für Kon innerhalb eines Augenblicks klar. „Naja. Wenn sie‘s weiß, dann hat sie wahrscheinlich nichts dagegen? Wenn sie noch nichts gesagt hat oder dich anders behandelt hat, mein ich.“ „Was, wenn sie es meinem Dad erzählt?“, fragte Jake und die Anspannung in seiner Stimme ließ Kon an die Familie Stephens denken. Sein Magen verkrampfte sich. „Oder – oder auch nur Andeutungen? Er ist nicht dumm und alle reden grade über Matt und Clarence. Es wäre recht naheliegend für ihn…“ „Hey“, schnitt Kon ihm das Wort ab, bevor Jake sich noch weiter hineinsteigern konnte. Früher hatte Tim das manchmal gemacht, damals, bevor er hart daran gearbeitet hatte, seinen Kopf zur Ruhe zu bringen. Manche Leute konnten sich zu Tode Was-wäre-wenn fragen und die einzige Möglichkeit, sie vor sich selbst zu retten, war, sie vorher abzufangen. „Weißt du… Wir haben ein Gästezimmer bei uns auf der Farm, solltest du das jemals brauchen.“ Jake sah endlich auf, erschrocken. „Und Ma hat eine kleine Schwäche für verlorene Jungs.“ „Ich – ich glaub nicht, dass er mich rausschmeißen würde“, protestierte Jake, „Er wird nur so unglaublich enttäuscht sein. Er hätte am liebsten, dass ich den Laden übernehm, jemanden wie Gina Brown heirate und ihm eine Horde blauäugiger Enkelkinder beschere—“ Kon räusperte sich leise. Er kannte Gina nicht besonders gut, aber sie war wirklich sehr attraktiv. Er konnte verstehen, wie ein Mann so etwas für seinen Sohn wollen konnte. Aber… „Dann wäre er aber so oder so enttäuscht.“ Jake lachte nicht. „Du hast sie nicht gesehen, oder?“, riet Kon. „Was?“ „In der hintersten Reihe. Händchenhaltend mit Lisa Stillwell.“ Jakes Mund klappte auf und sein Becher schlug auf dem Tresen auf. Kaffee schwappte über seine Hand. „Nein!“ Kon grinste einfach nur. Jake begann zu lachen und er hörte auch nicht damit auf, als er die Sauerei, die er verschüttet hatte, aufwischte. „Oh Mann! Da wird‘s so einige enttäuschte Kerle geben, wenn sie so zum Schulball gehen…“ Kon persönlich glaubte nicht, dass ‚enttäuscht‘ ganz das richtige Wort wäre, aber er würde nichts dazu sagen. „Mann, das Lachen hab ich echt gebraucht. Ich fühl mich etwa zehn Pfund leichter.“ Jake spülte den Lappen aus, mit dem er den Kaffee aufgewischt hatte und wischte sich damit über das Gesicht. „Himmel, ich hab dich ja gar nicht zu Wort kommen lassen.“ „Nein, Mann“, winkte Kon ab, „Du hattest Redebedarf. Ich versteh das.“ „Hatte ich wirklich. Wirklich, wirklich – ich hatte vorher noch nie ein Gespräch mit jemandem, der weiß, dass ich—“ Jake verstummte und zog den Kopf ein. „Bis Matt und Clarence sich geoutet haben, hab ich immer irgendwie gedacht, dass ich der Einzige in der ganzen Schule bin. Ich weiß, das ist beknackt – ich hab auch die Statistiken gelesen und alles. Aber niemand sagt je was. Vor den beiden hab ich nie jemanden getroffen, der, du weißt schon, geoutet war. Und ich – ich kannte sie ja kaum. Sie waren ein Jahr unter mir und so, und ich hatte ziemliche Angst, dass es alle einfach – einfach wissen würden, wenn ich mit ihnen reden würde. Aber es hat echt geholfen, zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin. Das Treffen heute hat auch geholfen. Ich hätte echt was sagen sollen, mich einbringen…“ Er seufzte. „Aber ist jetzt ja eh egal.“ „Cross ist ein Arsch“, stieß Kon aus. „Ja“, stimmte Jake zu. Er drehte sich unversehens um und schlug um sich, was seinen leeren Becher ins Spülbecken segeln und dort zerbrechen ließ. Ein zackiger Riss zog sich durch das verblasste Superman-Symbol. „Es ist echt nicht fair!“ *
„Es ist echt nicht fair“, seufzte Kon und ließ sich auf die Couch fallen. Er hielt sich die Hände vors Gesicht und rieb sich mit seinen schwarz gefleckten Händen leicht die Augen. „Sie brauchen einfach wirklich jemanden, wisst ihr? Sie sind einsam und isoliert und die Sportskanonen und die Jesus-Freaks gehen auf sie los wie die Aasgeier.“ Es war ein langer Tag gewesen und sie hatten gegen Tintenfisch-Monster gekämpft, auch wenn sie jetzt zurück im Aufenthaltsraum des Titans Towers waren, relaxten und auf ihre Pizzas warteten. Sie hatten einen Großteil der Tinte abwaschen können, mit Ausnahme von ein paar Flecken – aber der Gestank war trotzdem noch irgendwie da, selbst nach dreimal Duschen. Immerhin stanken sie alle gleich, also war das auch okay. Cassie setzte sich neben ihn und tätschelte seine Hand. „Süß von dir, dass du dir so viele Gedanken machst.“ Tim fummelte irgendwie an der Elektronik seiner Ausrüstung herum, während Bart ihm über seine Schulter zusah. „Seine Sorge ist berechtigt“, warf er ein, ohne aufzusehen, „Die Chancen stehen sehr gut, dass der Mord ein Hassverbrechen war.“ „Die haben ein totes Huhn ins Schließfach von einem Jungen gehängt“, erzählte Kon. Cassies Blick verdüsterte sich und Bart verzog das Gesicht. Tim sah nicht auf, aber er hatte auch die Fotos schon gesehen. „Ich weiß, ein Junge hat sich schon die ganze Woche auf den Toiletten versteckt, wenn er eigentlich im Sportunterricht sein sollte. Und die Lehrer tun nichts dagegen! Mein Bio-Lehrer ist der Einzige, der bis jetzt klar dagegen Stellung bezogen hat.“ „Okay“, murmelte Cassie, „das schreit ja geradezu nach einer Klage.“ „Sicher“, stimmte Bart zu. Er sauste herüber zur Couch und setzte sich auf Kons andere Seite. „Es gibt jede Menge Präzedenzfälle. Lehrer und Schulpersonal, die von Mobbing wissen, aber nichts dagegen unternehmen, können rechtlich haftbar gemacht werden.“ „Die ganze Schule ist so verflucht feindselig. Ich versteh das einfach nicht! Warum geht es überhaupt irgendjemanden was an, wen diese Kids daten? Die meisten von ihnen daten überhaupt gar nicht. Jake zum Beispiel hatte noch nie eine richtige Verabredung.“ „Armer Kerl“, warf Cassie mitfühlend ein. „Sie versuchen alle nur einen Ort zu finden, wo sie sich wohlfühlen und dazugehören können, Leute, mit denen sie reden können, irgendwie in der Gruppe sicherer sind. Und Rektor Cross hat das einfach so wieder geschlossen.“ Bart fuhr plötzlich hoch, wie eine angespielte Saite vibrierend. „Das kann er nicht machen!“ „Ich weiß!“ „Nein“, korrigierte Bart, „Ich mein, das ist illegal.“ Alle, Tim eingeschlossen, wandten sich ihm zu und Kon spürte, wie die Couch ebenfalls zu vibrieren begann, als er weitersprach: „Laut dem Federal Equal Access Act von 1984, US Code Titel 20, Kapitel 52, Unterkapitel—“ „Wir haben‘s verstanden“, unterbrach Cassie. „‚Es ist hiermit für jegliche öffentliche Sekundarschule, die staatliche Finanzmittel erhält und die ein beschränktes offenes Forum hat, gegen das Gesetz, jeglichen SchülerInnen, die innerhalb dieses beschränkt offenen Forums eine Versammlung abhalten wollen, auf Grundlage religiöser, politischer, philosophischer oder anderweitiger Inhalte dieser Versammlungen gleichgestellten Zugang oder faire Chancen zu verweigern oder zu diskriminieren‘“, zitierte Bart, „Was bedeutet, sobald es irgendwelche nicht-unterrichtsbezogenen Gruppierungen auf dem Schulgelände gibt – und das schließt auch Sportmannschaften ein – müssen eurer Gruppe dieselben Rechte und Vergünstigungen zugestanden werden.“ Kon blinzelte. „Da stand nichts über LGBT-Clubs drin.“ Allerdings wuchs da ein kleiner Funken Hoffnung in seinem Inneren heran. „Naja, nein“, sagte Bart, „nein, weißt du, das Lustige ist ja, dass das Gesetz von Konservativen erlassen worden ist, um religiösen Gruppierungen zu ermöglichen, dass sie sich auf dem Schulgelände treffen. Aber die Gerichte haben entschieden, dass das auch für von Schülern initiierte LGBT-Organisationen wie Gay-Straight-Allianzen gilt. Es gibt ein paar Regeln: Leute, die nicht auf eure Schule gehen, dürfen nicht regelmäßig teilnehmen und die Schule muss euch kein Geld oder sowas geben, das sie nicht auch anderen Clubs wie zum Beispiel dem Joy Club gibt. Und ihr dürft niemanden verletzen oder euch dafür einsetzen, dass jemand verletzt wird, oder den Schulbetrieb stören. Aber“, lächelte er, „die einzige legale Möglichkeit, wie sie euren Club schließen können, ist, alle Clubs zu schließen. Das wurde auch schon mal gemacht, aber es hat nie lang gedauert, bis Schüler und Eltern verlangen, dass Matheclub und Band und alle Sportarten wieder stattfinden.“ Kon drehte sich zu Bart und packte ihn bei den Schultern, wobei er seine Superstärke und seine Aura zu Hilfe nahm, um das Vibrieren zu stoppen, bevor er noch die ganze Couch in Stücke rüttelte. Eine Sekunde lang schlugen seine Zähne noch aufeinander, dann beruhigte Bart sich. „Ihr braucht einen Anwalt!“, rief er aus, „Dein Rektor weiß wahrscheinlich gar nicht, dass er das Gesetz bricht.“ Kons Hoffnung sank ein wenig. „Das sind doch nur ein Haufen Kinder. Woher sollen die denn einen Anwalt bekommen?“ Cassie legte ihm eine Hand auf den Arm, so dass er von Bart abließ, sich zu ihr drehte und auf sie hinunter sah. Er war ohne es zu merken einen knappen halben Meter in die Luft gestiegen, als er Bart nach unten gedrückt hatte. „Du hattest doch früher einen Agenten. Hattest du auch einen Anwalt?“ Kon blinzelte verwirrt. „Wer verklagt denn Superhelden?“ „Also, 1952 hat die Stadt—“ „Theoretisch!“ Kon ließ sich mit einem dumpfen Schlag zurück auf die Couch fallen und runzelte die Stirn. „Ich kenn doch nicht mal irgendeinen Anwalt.“ Bart gab einen frustrierten Laut von sich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nur weil sie mich das Juraexamen nicht haben machen lassen.“ Er hielt inne – lange genug, dass Kon es auch als Innehalten erkannte – und dann war er verschwunden. „Hm“, machte Cassie, „Ich nehm an, ihm ist was—“ Bart war zurück. Er hatte sich gegenüber von Tim an den Tisch gesetzt, umgeben von Büchern und Papierstapeln, die hinter ihm her flatterten. Er war über einen gelben Schreibblock gebeugt und schrieb wie wild, wobei er in seiner freien Hand einen Haufen Ersatz-Bleistifte hielt. „Ich hab noch nie ein Mahnschreiben verfasst. Das macht irgendwie Spaß.“ Kon sah, wie Tim schnupperte und tat es ihm gleich. Er konnte Rauch riechen und sah sich besorgt um, bis er den Geruch zu Barts Spitzer und den wachsenden Haufen von Bleistiftspänen unter seinem Stuhl zurückverfolgte. Wenn er sich konzentrierte, konnte er immer wieder kurz das Aufheulen von Holzabrieb hören, während Bart umblätterte. „Du bist aber kein Anwalt“, protestierte er. „Muss ich auch nicht, um einen Brief zu schreiben“, gab Bart zurück, ohne dabei aufzusehen, „Ich lass ihn nur wissen, wie haushoch er einen Prozess verlieren würde. Hier—“ Er schob einen Stapel Handzettel und Ausdrucke über den Tisch in Kons Richtung. „Die hier solltest du dir besser durchlesen, wenn du dafür eintreten willst.“ „Ich—“, blinzelte Kon verwirrt, „Was?“ „Die Gruppierung muss von Schülern initiiert sein. Und ihr werdet eine Betreuungslehrkraft brauchen. Und du musst echt überzeugend sein, weil ich nämlich nicht im Anzug kommen oder euch vor Gericht vertreten kann.“ Kon hörte ein Klicken und drehte sich zu Tim, der gerade seine Ausrüstung wieder an seinem Schultergurt befestigte, bevor er sich über den Tisch lehnte und einen Stapel Papier aufnahm. Er lächelte ein hartes kleines Lächeln und sah zu Kon auf. Kon konnte gar nicht anders als das Lächeln zu erwidern, denn er kannte es – und es bedeutete Vergeltung von ganz fucking oben. „Wir kennen da ein paar Anwälte. Wenn es so viele Präzedenzfälle gibt, wie du sagst, wird er zwar keinen brauchen“, klärte er Bart auf, sah dabei allerdings Kon an, „Sollte er das aber doch… Dann hat Oracle gerade freiwillig ihre und Manhunters Hilfe angeboten.“ Kons Lächeln weitete sich zu einem Grinsen. ~> tbc in Teil 7 |