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Close To Home (von iesika) | Teil 8/18 - tenten31 - 25.08.2020 Montag Am Montagmorgen war Kon schon früh in der Schule und hatte auch bereits vier Poster aufgehängt, bevor auch nur irgendjemand daran dachte, Cross holen zu gehen. Er hatte bereits eine kleine Menschentraube um sich versammelt – vor allem Neunt- und Zehntklässler, die größtenteils zueinander kicherten und deuteten – aber das war ihm ziemlich egal. War ja nicht so, als hätte er Angst davor, vor Publikum zu arbeiten. Eigentlich brauchte er keine Hilfe, aber als Delilah auftauchte, um das fünfte Poster zu halten, machte er ihr einfach Platz, bevor er es mit Tesafilm befestigte. „Kent. Roberts.“ Kon machte noch einen zusätzlichen Streifen Tesa fest, dann drehte er sich mit einem fröhlichen Lächeln um: „Guten Morgen, Sir.“ Delilah neben ihm machte einen regelrecht rebellischen Eindruck. Sie konnte ja nicht wissen, dass es einen Plan gab, so dass Kon sich fragte, was sie hier eigentlich machte. Aber vielleicht wollte sie eben Cross so sehr sie konnte ans Bein pinkeln. „Ich fürchte, Sie werden die wieder abhängen müssen, junger Mann“, wies Cross ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust. Kon setzte seinen Rucksack auf dem Boden ab und zog einen dicken braunen Umschlag heraus. Er hielt ihn Cross entgegen und dieser nahm ihn reflexartig an sich, ohne überhaupt einen Blick darauf zu werfen. „Was soll das sein?“ Cross besah sich die Oberseite des Umschlags, dann drehte er ihn um und hielt ihn etwas in die Höhe, um sich die Rückseite anzusehen. „Eine Forderung“, erwiderte Kon, „Eine rechtliche Forderung. Ein Freund hat sie für mich verfasst. Ich schätze, Sie haben nicht gewusst, dass Sie das Gesetz brechen.“ Um sie herum wurden die Schüler unruhig und flüsterten untereinander. Irgendjemand gab ein leises „Uuuh…“ von sich, allerdings so, dass Cross es hören konnte. Er gab einen abweisenden Laut von sich und versuchte den Umschlag zurückzugeben. Kon nahm ihn nicht zurück. Er stand stumm da, seine Hände in die Hüften gestemmt und ließ es zu, dass der Umschlag ihn am Oberkörper traf. „Sie sollten das lieber lesen. Wenn Sie‘s ignorieren, wird das vor Gericht keinen guten Eindruck machen.“ Cross ließ seine Hände sinken, auch wenn er den Umschlag in seiner angespannten Faust weiter umklammert hielt. „Vor Gericht?“ Kon wandte sich an Delilah. Es war verdammt gut, dass sie von sich aus mitgemacht hatte, weil er sich ziemlich sicher war, dass er auf ihre Antwort zählen konnte. „Du hast gesehen, wie er den Umschlag von mir entgegen genommen hat, richtig?“ Ihre Augen leuchteten voll teuflischer Schadenfreude. „Muss ich irgendwas unterschreiben? Ich unterschreib‘s dir.“ „Nur wenn wir wirklich vor Gericht müssen“, gab Kon zurück. Er war sich nicht sicher, ob das stimmte, aber es klang zumindest gut. „Aber ich bin sicher, uns allen wäre es lieber, wenn wir das nicht müssen.“ Jemand in der immer noch wachsenden Menschentraube lachte auf. Cross kniff die Augen zusammen. „Der Brief ist recht lang“, meinte Kon, „deshalb fasse ich mal zusammen: Gesetzlich lassen Sie entweder den Club sich treffen und geben ihm denselben Zugang zu Schulmitteln wie allen anderen Clubs – oder Sie schließen alles außerhalb des Lehrplans. Und das heißt auch alles. Band…“, er nickte zwei Anderen zu, von denen er ziemlich sicher wusste, dass sie in der Marching Band waren, „Football…“ Delilahs Mund klappte auf. Sie schien sich gerade diebisch zu freuen. „Ansonsten verstoßen Sie gegen den Federal Equal Access Act und den 14. Zusatzartikel zur Verfassung.“ Er beugte sich etwas vor und senkte verschwörerisch die Stimme: „Ich nehm an, das wussten Sie nicht. Ich meine, Sie würden doch sicher nicht absichtlich die verfassungsmäßigen Rechte Ihrer Schüler einschränken…“ „Äh“, machte Cross und sah auf einmal um vieles weniger verärgert aus. In Wirklichkeit… Kon war sich nicht sicher, aber er meinte, dass er ziemlich traurig aussah. „Mister Kent, bitte verstehen Sie… Ich bin hier nicht Ihr Feind. Ich versuche lediglich, meine Schüler von Gefahr fernzuhalten“, er seufzte, „In Ordnung, Sie haben Ihren Club. Es gibt ganz offensichtlich Interesse von Seiten der Schülerschaft… Wenn Sie sich auf dem Schulgelände treffen, werden Sie allerdings eine Betreuungsperson brauchen.“ „Die hat er.“ Alle wandten sich zu der Stimme um. Kon lächelte nur. „Guten Morgen, Mister Dalton“, grüßte er, „Ich nehm an, Sie haben meine Nachricht bekommen?“ Der Gong ertönte. Einige Leute ächzten laut auf. Nach ein paar langen Sekunden, in denen er Blicke mit Kon und Dalton austauschte, hob Cross seine Arme über den Kopf. „Gehen Sie jetzt alle in Ihren Unterricht!“ Die Menschenmenge löste sich ziemlich schnell auf und Kon und Dalton setzten sich gemeinsam in Richtung des Naturwissenschaftstrakts in Bewegung. „Sie machen‘s also?“, fragte Kon. „Natürlich“, meinte Dalton erfreut, „Oh, ich würde ja nur zu gerne sehen, wie sie mich jetzt rauswerfen wollen…“ „Sie rauswerfen?“ Kon hielt inne und starrte ihn an. „Sie meinen, die werfen Sie raus?“ „Oh, keine Sorge“, erwiderte Dalton fröhlich, „Die werden nicht dran festhalten können.“ Er ging weiter, so dass Kon kopfschüttelnd hinter ihm her lief. „Im Ernst, Conner, du hättest keine bessere Wahl treffen können, wen du als Betreuer fragst – also vorausgesetzt, ich war nicht deine letzte Wahl…“ „Nein“, antwortete Kon, „Ich hätte ehrlich nicht gewusst, wen ich sonst fragen sollte…“ Sein Blick verfinsterte sich: „Sie… klingen irgendwie… äh, so gar nicht besorgt. Dass Sie Ihren Job verlieren könnten.“ „Eigentlich…“ Dalton sah sich um und deutete Kon in Richtung der Klassenzimmertür. Er beugte sich ihm entgegen und meinte leise: „hatte ich wirklich gehofft, dass sie mich rauswerfen. Aber erzähl das niemandem.“ „Sie—“ Kon verstummte. „Was?“ „Die ACLU benötigt einen Musterprozess für das ‚Intelligent Design‘-Gesetz, das Kansas vor ein paar Jahren erlassen hat. Es ist unverhohlen verfassungswidrig und jeder, der nur ein bisschen Gesetzeskenntnis hat, weiß das. Aber man kann so etwas nicht einfach verkünden – man muss innerhalb des Systems arbeiten. Was bedeutet… naja, es bedeutet, dass sie befinden müssen, dass jemand dagegen verstößt. So dass man vor einem höheren Gericht dagegen Berufung einlegen kann. Also… Also bin ich sowieso schon drauf vorbereitet, schikaniert zu werden, Conner. Ich bin drauf vorbereitet, meinen Job zu verlieren. Viel mehr können sie mir sowieso nicht mehr antun.“ Der finale Gong ertönte und Dalton verschwand ins Klassenzimmer, wobei er mit einem Klatschen zur Ordnung aufrief. Kon folgte ihm und setzte sich auf seinen üblichen Platz in der dritten Reihe. Dalton öffnete sein Klassenbuch und begann Namen abzuhaken, also hatte Kon einen Moment Zeit, um sich umzudrehen. „Hey“, sagte er. Baumhauer sah zu ihm auf, sein Gesichtsausdruck leicht verwirrt. Er und Kon pflegten wirklich nicht das freundschaftlichste Verhältnis, obwohl sie in derselben Laborgruppe waren – vor allem, weil Baumhauer scheinbar morgens immer schlechte Laune hatte und es ihm nichts ausmachte, dass er die gesamte Gruppe darunter leiden ließ. Kon war sich absolut nicht sicher, wie er das fragen sollte, was er fragen wollte. Schließlich entschied er sich für: „Ich, äh, hab gesehen, dass du bei Matts Beerdigung warst.“ Als Baumhauer nichts dazu sagte, fügte er noch hinzu: „Ich war… etwas überrascht?“ Baumhauer wandte sich wieder seinem Notizbuch zu, in das er eine Art Liste schrieb. „Mein Vater ist der Pastor. Stephens war Teil der Kirchengemeinde“, antwortete er ohne Kon anzusehen, „Auch wenn er nicht sehr oft in der Kirche war.“ „Oh“, machte Kon. Tja, das machte etwas mehr Sinn. „Gott liebt den Sünder“, sagte Baumhauer mit einem Anflug von jemandem, der eine Bibelstelle rezitierte, „selbst wenn er die Sünde hasst. Jeder hat eine christliche Beerdigung verdient.“ Er machte eine Pause und sah auf. „Und ich kann mir vorstellen, dass die Unterstützung, die die Kirchengemeinde gezeigt hat, auch seiner Familie ein gewisses Maß an Trost geben konnte.“ Kon war sich ziemlich sicher, Rebecca hätte es lieber gehabt, wenn er sie unterstützte, indem er nicht ihren Sohn und seinen festen Freund beleidigte, aber… naja, es war besser als nichts. „Aber wenn wir schon beim Thema sind…“, meinte Baumhauer, als er sich wieder seiner Liste zuwandte, „Ich glaub nicht, dass ich dich dieses Halbjahr jemals in der Kirche gesehen hätte. Deine Tante kommt jeden Sonntag alleine.“ „Ähm“, machte Kon. Er fühlte sich mit einem Mal unwohl. „Ich bin an den Wochenenden ziemlich beschäftigt.“ „Guten Morgen zusammen!“, begrüßte Dalton die Klasse, als er sein Klassenbuch zuklappte und ans Whiteboard trat. Kon ergriff die Gelegenheit, sich wieder nach vorne zu drehen. Dalton lächelte immer noch genauso breit wie vorhin auf dem Gang. „Wer will über Viren reden?“ Naja, immerhin besser als Religion. *
Er legte nach Bio einen kurzen Boxenstopp ein – es war sehr viel Kaffee nötig gewesen, um seine Aufgaben auf der Farm so rechtzeitig fertig zu haben, dass er so früh in der Schule sein konnte. Er war gerade dabei, sich die Hände zu waschen, als zwei andere Jungen redend und lachend hereinkamen. Sie verstummten, kaum dass sie ihn sahen, und standen einfach nur verloren da. „Was?“ fragte Kon. Keiner der beiden antwortete. Sie sahen ihn nicht einmal an. Kon knurrte verärgert und schüttelte seine Hände trocken, bevor er sich an ihnen vorbei und hinaus auf den Gang drängte. Einer der Jungen stolperte fast in seiner Eile, Kon aus dem Weg zu gehen. Als er den Kunstraum betrat, packte Jake ihn am Arm und zog ihn regelrecht zu ihrem Tisch im hinteren Teil des Raums. „Neue Aufgabe“, klärte er ihn auf, „Wir sollen uns einen Partner suchen und—“ „Such dir wen anders“, meinte Kon und löste sich von ihm. Jake starrte ihn nur mit offenem Mund an, was Kon sich wie einen Arsch fühlen ließ. „Du brauchst dir die ganzen Schikanen nicht antun. Du weißt, wie die Gerüchteküche hier funktioniert. Wenn die Leute denken, dass wir befreundet sind—“ „…aber wir sind befreundet.“ Er sah Kon vorwurfsvoll an und setzte sich. Als Kon stehen blieb, ließ er mit einem gezielten Tritt den Stuhl neben sich von unter dem Tisch heraus gleiten. „Oh komm schon, setz dich hin. Wir machen Porträts. Und du wirst die Hilfe brauchen können.“ Kon seufzte. Aber er setzte sich hin. *
„Wir müssen dieselben Regeln wie alle anderen Clubs befolgen“, teilte Kon der Gruppe mit, „Und ihr könnt drauf wetten, dass es jemand merkt, wenn wir das nicht tun.“ „Okay“, meinte Mel, „dann müssen wir eine Charta aufsetzen, einen Vorstand wählen, Spenden sammeln für alltägliche Ausgaben…“ Sie waren wieder in der Bibliothek und diesmal versteckte sich Kon nicht zwischen den Büchern – und Jake auch nicht. Es waren auch noch weitere Kids dabei, die am Freitag noch nicht hier gewesen waren, unter anderem ein Mädchen aus seinem Mathekurs. Die Stühle waren zu einem Stuhlkreis gestellt, und sie verteilten den Stapel Dokumente und Handzettel, den Bart zusammengestellt hatte. „Ich… hab da einen Entwurf?“, warf Kon unsicher in den Raum. Er kramte in seinem Rucksack und zog eine Mappe hervor. Sie war nur leicht verknickt. „Basierend auf, äh, denen von ähnlichen Clubs.“ Sie nahm die Mappe von ihm entgegen und blätterte darin, die Seiten überfliegend. „Sieht gut aus“, sagte sie, „Na dann, machen wir Kopien für alle und dann können wir über Änderungen abstimmen. Wer hat Vierteldollars?“ „Äh…“ Kon durchsuchte seine Taschen nach Kleingeld. Die anderen taten dasselbe und bald hatten sie einen ganzen Stapel Münzen beisammen. „Wenn ich wieder da bin“, fuhr Mel fort, „sollten wir uns über Ämter unterhalten. Ich denk, wir sollten beim heutigen Treffen zumindest jemanden nominiert haben.“ Sie sammelte das Geld ein und ging hinüber zum Kopierer. „Also, wer sollte unser Vorsitzender werden?“, fragte Hamilton in die Runde. Ein paar Leute, Jake und Delilah eingeschlossen, sahen zu Kon hinüber. „Oh nein“, schüttelte er den Kopf und hob abwehrend die Hände. „Nein, nein, nein—“ „Immerhin warst du derjenige, der das alles hier zusammen gebracht hat“, meinte Clarence, „Und du hast Cross überzeugt.“ Er sah hilfesuchend zu Jake, aber Jake grinste ihn nur an. „Ich kann nicht“, beharrte Kon, „Leute, ich hab… andere Verpflichtungen, okay? Außerdem bin ich wirklich die absolut schlechteste Wahl—“ „Dann“, sagte Delilah, „nominier jemanden. Ansonsten bist du denk ich Vorsitzender aus Mangel an Herausforderern.“ Ausgerechnet in diesem Moment kam Mel mit der Charta zurück, um die Kopien auszuteilen. Als Kon aufsprang und sie am Ellbogen in die Mitte des Stuhlkreises zog, ließ sie vor Schreck den gesamten Stapel fallen. Jake hörte nicht auf zu lachen, bis die Wahl begann. Aber er war immerhin so hilfsbereit und hob die ganzen Blätter auf. *
Nach dem Treffen begleitete Delilah ihn zu Englisch. „Kanntest du Matt eigentlich?“, fragte sie, als er kurz am Wasserspender anhielt, um etwas zu trinken. „Nein“, gab Kon zu. Er richtete sich wieder auf und wischte sich das Kinn ab, dann nahm er seinen Rucksack wieder auf und sie gingen weiter. „Ich mein… Ich hab ihn letzte Woche getroffen, kurz bevor…“ Er verstummte. „Miller hat ihn im Gang umgerempelt.“ „Er ist echt ein Scheißkerl“, stimmte sie zu, bis sie mit einem Mal stehen blieb und sich zu ihm drehte. „Warte mal, das warst du?“ „Was war ich?“ „Du hast ihm geholfen, seine Sachen aufzuheben.“ Kon nickte, eine Hand im Nacken. Delilah lachte. „Er hat gesagt – wow!“ „Was?“ „Er hat gesagt, du bist schnucklig“, lächelte sie traurig. „Ich meine, er hat Clarence geliebt, versteh mich nicht falsch, aber er hatte Augen im Kopf.“ Kon wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Seine Hand ging erneut in seinen Nacken. „Er hat mir erzählt, was passiert ist. Vor der siebten Stunde. Pete hat ihn schon immer blöd angemacht, so dass keiner von uns… Er wollte mich nach der Schule nach Hause fahren, aber er hat nicht dort gewartet, wo wir ausgemacht hatten… naja, den Rest weißt du eh.“ „Nicht wirklich“, gab Kon zu. Ohne Tim und die Polizeiberichte wüsste er wirklich so gut wie gar nichts. „Ich hab gehört, du… hast ihn gefunden.“ Delilah wandte den Blick ab. „Er ist nicht rausgekommen, als ich gerufen hab, also bin ich rein, um seinen dürren Arsch nach draußen zu befördern—“ „Aus der Jungen-Umkleide?“ Sie schnaubte: „Als ob mich das kümmert.“ „Hast du… jemanden gesehen?“, fragte Kon. Er wusste nicht so recht, warum ihm eng um die Brust wurde. Das war es doch, was er wollte, richtig? An sie heranzukommen, sie dazu zu bringen, dass sie sich ihm gegenüber öffnete… Warum fühlte er sich dann, als würde er sie gerade irgendwie hintergehen? Wenn sie wüsste, wer er war und was er hier zu tun versuchte, würde sie das sicher verstehen und helfen. Das wusste er. Warum fühlte er sich so…? „Niemanden“, antwortete sie. „Ich hab 911 gerufen. Die von der Mannschaft sind nach und nach zum Training gekommen, aber ich hab sie draußen gehalten. Coach Danielson auch – und er war da echt nicht glücklich drüber, aber wenn ich ihm gesagt hätte, warum, dann wäre er rein gestürmt und hätte den Tatort zerstört. Und als dann die Cops da waren, hab ich mich in eine Ecke gesetzt und einen kompletten Nervenzusammenbruch gehabt“, lachte sie bitter und wischte sich über die Augen. „Wir kommen noch zu spät.“ Sie setzten sich wieder in Bewegung. Die Gänge waren inzwischen relativ leer. „Er hat einen echt netten Eindruck gemacht“, sagte Kon noch sinnloserweise, aber es war die Wahrheit. „Er hätte dich wirklich gemocht“, meinte Delilah und seufzte. „Er hätte den Club geliebt – hätte es geliebt, dass du Cross in die Knie gezwungen hast. Er war recht politisch, weißt du? Und er hat immer versucht, alle zu retten…“ Sie brach ab. Miller stand vor dem Klassenzimmer. „Lilah“, grüßte er sie, „Ich seh schon, du hast dir einen neuen Schwuchtel-Freund angelacht. Trägst du ihm auch die Bücher?“ Sie blieb unvermittelt stehen und schob Kon ihre Bücher in die Hände. Er schaffte es nur, sie zu fangen, indem er heimlich seine Superkräfte verwendete. „Du“, knurrte sie und schubste den größeren Jungen rücklings gegen den Türrahmen. „Whoa!“ Kon legte hastig die Bücher ab und zog sie zurück. „Das ist er nicht wert.“ „Denkst du, ich weiß das nicht?“, zischte sie, aber an Miller gewandt, „Du krankes, mordgeiles Arschloch!“ „Gibt es ein Problem?“, fragte Miss Harris, als sie hinter Miller in der Tür erschien. Miller starrte schockiert geradeaus. „Du denkst, ich—“ „Wenn sie dich nicht zur Spritze verurteilen, bring ich dich verfickt nochmal eigenhändig um!“ „Lilah“, rief Kon und zog sie mit einem Arm um ihre Taille zurück. Sie strampelte wild und trat ihm gegen das Schienbein, aber er lockerte seinen Griff nicht. „Shit, beruhig dich.“ „Beruhigen?“ „Oder Sie werden suspendiert“, fügte Miss Harris hinzu, „Oder komplett ausgeschlossen. Ich kann nicht glauben, wie Sie sich gerade verhalten, Delilah.“ „Oh, glauben Sie mir, ich hab genug Gründe—“ Es war, als würde er ein sich wehrendes Tier bändigen wollen. Sie würde sich noch selbst verletzen, wenn sie so weitermachte. „Wir kriegen ihn schon“, raunte Kon ihr ins Ohr, „Wenn er‘s war, kriegen wir ihn. Er verbringt dann den Rest seines Lebens im Gefängnis, aber Lilah, wenn du dich nicht beruhigst, schmeißen sie nicht nur dich raus. Das hier wäre alles, was sie brauchen, um den Club zu schließen. Denkst du, Matt würde das wollen?“ Ein schrecklich erstickter Laut entrang sich ihrer Kehle und sie ließ sich schlaff nach hinten fallen, gegen ihn. All die Streitlust und Wut wichen so plötzlich aus ihr heraus, als wäre sie bewusstlos geschlagen worden. Ihr Herz raste und hämmerte gegen ihren Brustkorb wie das eines Vogels und Kon musste sie stützen, damit sie nicht zu Boden sank. „Die ist doch übergeschnappt!“, stieß Miller aus und klang dabei gleichzeitig bewundernd und panisch. „Dann hör auf, sie ständig zu belästigen“, knurrte Kon, „Oder ich schwör bei Gott—“ „Mister Kent!“, maßregelte Miss Harris ihn, „Ich glaube, das reicht.“ In seinen Armen begann Delilah zu schluchzen. Als er seinen Griff etwas lockerte, drehte sie sich um und drückte ihr Gesicht gegen seine Brust. Kon hielt sie an sich gedrückt. „Ich bring sie ins Sekretariat“, meinte er, „Ich glaub, sie sollte besser nach Hause.“ Harris seufzte. „Ja, bitte. Und… sehen Sie mal, ob Sie sie nicht dazu bringen können, Hilfe anzunehmen? Das County hat mehrere Trauerbegleiter für alle Schüler zur Verfügung gestellt, die… von jüngsten Ereignissen betroffen sind.“ „Bin nicht übergeschnappt“, murmelte Delilah gegen seine Schulter. „Nein“, stimmte Kon zu, „bist du nicht.“ Er drückte sie nochmal, bevor er sie wieder auf die Füße stellte, so dass er ihr Gesicht sah. „Du solltest trotzdem mal mit jemandem reden.“ *
Delilahs Vater ging nicht ans Telefon. Als nächstes versuchten sie Mrs. Moore – Clarences Mutter – und innerhalb von zehn Minuten half Kon Delilah in einen Minivan. „Sie… hatte so eine Art Nervenzusammenbruch“, erzählte Kon der großgewachsenen, schlanken Schwarzen aus den Weihnachtsfotos. „Ich denke wirklich, sie sollte mit jemandem reden. Haben ihre Eltern—“ Mrs. Moores bitteres Lachen ließ ihn verstummen. Sie schüttelte den Kopf. „Je weniger Worte über die verloren werden, desto besser. Nein, ich denke, Lilah bleibt eine Weile bei uns. Oder—“ Sie wandte sich in ihrem Sitz um und legte Delilah eine schlanke Hand an die Wange. „Rebecca ist furchtbar einsam, Kind. Sie hat sich schon gewundert, warum du nicht mal vorbei kommst.“ Delilah brach erneut in Tränen aus. „Es ist meine Schuld“, schluchzte sie, „Sie wird mich hassen, Miss Charlotte—“ Mrs. Moore zog das weinende Mädchen in eine Umarmung. „Schhh…“ machte sie, „Nein, nein. Es ist doch nicht deine Schuld, Liebes.“ Kons Herz verkrampfte sich in seiner Brust, aber er trat zurück und gab den beiden etwas Privatsphäre. Miller war Teil des Football-Teams. Bald wüssten sie, ob er ein Meta war. Wenn er einer war… Wenn er es wirklich aufgrund seiner Besessenheit mit Delilah auf Matt abgesehen hatte… Kon wusste nicht so recht, ob sie alle Puzzleteile finden würden. Er drehte sich um und ging zurück ins Schulgebäude, am Rektorat vorbei, wo Cross Papierkram erledigte, vorbei an dem Klassenzimmer, in dem Dalton gerade in den höchsten Tönen von Seeschnecken schwärmte, vorbei an den Türen zur Bibliothek. Er schaffte es allerdings nicht zurück zu Englisch, weil er ein nur allzu vertrautes Geräusch hörte. Drei Sekunden später war Kon am anderen Ende der Schule, in den Jungen-Toiletten neben der Aula. Er hatte zwei panische Jungen am Kragen gepackt und gegen die Wand gedrückt, ihre Zehen knapp über dem Fliesenboden baumelnd. Hinter ihm rappelte Chase sich langsam wieder vom Boden auf. *
Kon saß in der Bibliothek und schlug sich wacker mit Polynomen herum, als sein Handy aufleuchtete und zu vibrieren begann. Als er sah, wer da anrief, eilte er hinüber zwischen die Regale, weg von der Ausgabe, und hob es an sein Ohr. „Hallo?“ „Wegen dem Dinner, das du mir noch schuldest…“, begrüßte Cassie ihn kokett. „Ich kann heut nicht“, flüsterte Kon, „Ich bin—“ Selbst flüsternd könnte er es hier in der Schulbibliothek nicht erklären. Er würde nicht außer Hörweite des Schulgeländes gehen, bevor nicht alle aus dem Club zu Hause waren. Hamilton war draußen auf dem Feld mit seinem Team und Mel und Katie waren unten im Band-Raum. Es war schwer, sie herauszuhören, aber wenn genug Leute um sie herum waren, die eine solche Lautstärke zustande brachten, schätzte Kon, dass sie im Moment sicher waren. „Okay“, meinte sie, „Morgen?“ Kon fuhr zusammen. „Jaaa… wahrscheinlich bin ich morgen auch beschäftigt.“ Auf Cassies Seite entstand eine Pause. Sie… faltete gerade Wäsche zusammen? Jedenfalls irgendwas mit Stoffgeräuschen. „Okay“, antwortete sie nach einem Augenblick, „Dann ruf mich an, wenn du nicht beschäftigt bist.“ „Mach ich“, flüsterte Kon zurück. Es gab ein leises Klicken, als sie auflegte. Ups! Wahrscheinlich war er in ziemlichen Schwierigkeiten. *
Er wollte eigentlich Cassie anrufen und zu Kreuze kriechen, wenn er nach Hause kam, aber als er sich dem Haus näherte, vergaß er diesen Plan augenblicklich. Clark stand auf dem Parkplatz, seine Hände in die Hüften gestemmt, und machte eine große Show daraus, Kons Handarbeit zu begutachten. „Hey“, begrüßte Kon ihn, als er landete. Krypto sprang auf ihn zu mit einer alten Kanonenkugel, die er irgendwo ausgegraben hatte, also tätschelte Kon ihm den Kopf und warf die Kugel über das Haus, in Richtung der weitläufigen Felder der Masons. „Du warst ja echt fleißig“, meinte Clark. Er bückte sich, um den Faden um eine der Tomatenpflanzen etwas geradezurücken. „Ma hat eigentlich erwartet, dass du heute Abend zuhause bist, um den Mais zu pflanzen.“ Shit! Anscheinend war er heute Abend von allen möglichen Seiten in Schwierigkeiten. „Ich kann‘s jetzt noch machen.“ „Das hält sich schon noch.“ „Mir ist was dazwischen gekommen—“ Clark runzelte die Stirn. „Ich weiß. Ich weiß von eurem Club, Conner, und von deiner Beteiligung.“ „Oh, gut“, gab Kon zurück. Clark umgab eine Aura von ziemlich heftigem Missfallen, also ging er und holte die Säcke mit Saatmais, anstatt dass er wie ein Idiot hier herumstand. Er piekste Löcher in die beiden Säcke und begann damit über die Parzelle zu laufen, wobei er sehr genau kontrollierte, wie die Saat aus den beiden Säcken unter seinen Armen fiel. „Du solltest—“ „Ich weiß, was ich tu“, unterbrach Kon ihn, „Warum bist du gleich nochmal sauer auf mich?“ Krypto kam zurück. Er flog vorbei an Clark und zu Kon, der den ‚Ball‘ mit der Spitze eines Turnschuhs aufnahm und ihn mit einer Trittbewegung himmelwärts beförderte. Clark seufzte: „Du gibst vor, was zu sein, das du nicht bist.“ Am Ende der Parzelle hielt Kon die Saat zurück und fing einen Schritt weiter zwei neue Reihen an. „Ich geb nicht vor, irgendwas zu sein“, gab er zurück, „außer ein Mensch.“ Er ging weiter und säte weiter und verteilte die Saat in ordentlichen Reihen auf der Erde. „Das meine ich nicht“, warf Clark streng ein. „Bist du ernsthaft sauer auf mich, weil ich mich eingemischt hab? Vielleicht weißt du das noch nicht, Clark, aber ein Junge ist tot. Heute hab ich seine beste Freundin davon abgehalten, rausgeworfen zu werden, und das hätte ich ohne den Club nicht können. Ich hab verhindert—“ Er stieß ein frustriertes Seufzen aus. „Ich hoffe ehrlich, dass ich nur eine Prügelei verhindert hab. Ich kämpfe hier den guten Kampf.“ „Du hast nicht mal das Feld gepflügt, bevor du angefangen hast—“ „Ich hab dir doch gesagt, ich weiß, was ich tu!“, knurrte Kon, „Vielleicht mach ich es nicht genauso wie du‘s machen würdest, aber irgendjemand muss es machen und oh, schau mal an, derjenige bin ich.“ „Conner—“ „Du hast mich hierher geschickt“, fuhr Kon fort, „Du wolltest, dass ich mich hier heimisch fühle. Und das tu ich, Clark. Das hier ist mein Zuhause und ich werd nicht einfach zusehen, wie ein Haufen echt netter Mitschüler sich ängstlich wegduckt. Wenn dir nicht passt, wie ich das mache, geh und schlag auf einen Meteoriten ein oder so.“ Kon warf die leeren Säcke auf den Boden und klatschte die Hände zusammen. Er ließ sich auf die Knie fallen und stieß seine Hände fast bis zu den Ellbogen in die Erde. Mit einem kräftigen Reißen teilte er die Erde, riss sie auf, rüttelte an der ganzen Parzelle, bis die Saatkörner mit Erde bedeckt waren. Er zog gegen das Gewicht der Erde, bis sie aufgeworfen wurde und Erhöhungen und Vertiefungen zur Entwässerung bildete. Er musste sich auf die Zunge beißen, um das zu bewerkstelligen, weil es wehtat – Kon hatte noch nie vorher eine ganze Parzelle so bearbeitet – aber wenn Clark da einfach nur mit den Händen in den Hüften stehen und ihm sagen wollte, was er zu tun hatte, sollte er zumindest sehen, zu was Kon fähig war. Superman war stärker. Er war schneller und er hatte mehr Erfahrung und er hatte Eis-Atem und Mikroskop-Blick, aber Kon war nicht einfach nur eine unvollkommene Kopie. Als sie ihn geschaffen hatten, hatten sie ihn anders gemacht. Es gab Dinge, die er tun konnte, die Superman nicht konnte. Als er aufsah zu den ordentlichen Reihen, die sich nun von einem Ende des Maisfelds zum anderen erstreckten, wurde er mit so etwas wie Schock von Clark angestarrt. Sie sahen sich gegenseitig an wie Idioten, bis Clark schließlich wegsah, in Richtung des Hauses. „Du hast das Abendessen verpasst“, sagte er, „Aber wir haben dir einen Tellervoll aufgehoben.“ „Danke“, antwortete Kon durch zusammengepresste Zähne. Krypto landete zwischen ihnen und schnüffelte an der frisch umgewälzten Erde. Clark räusperte sich. „Der Garten sieht wirklich gut aus“, räumte er ein, „Gute Nacht.“ Damit erhob er sich in die Luft. „Gute Nacht“, wiederholte Kon und sah ihm zu, wie er wegflog. Er schaffte es zu warten, bis Clark außer Sichtweite war, bevor er hintenüber fiel. Krypto leckte ihm das Gesicht und winselte leise. ~> tbc in Teil 9 |