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[ab 18!] Close To Home (von iesika) | Teil 9/18 - Druckversion

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Close To Home (von iesika) | Teil 9/18 - tenten31 - 01.09.2020

Dienstag

Der Kurs war ein wenig lauter als sonst, da einige Schüler untereinander redeten, während andere versuchten, die Aufmerksamkeit des Lehrers und der Klasse zu erhalten. Kon lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte seinen Bleistift beiseite, froh um die Pause vom ständigen Mitschreiben. Sie sprachen heute über Ebola und die ganze Zeit, während er Listen von Symptomen und Vorsichtsnahmen aufschrieb, war alles, woran er hatte denken können: Tim hatte das gehabt! Sie hatten sogar Aufzeichnungen über den Ebola-Ausbruch in Gotham vor ein paar Jahren gelesen, und darüber, wie die Epidemie schließlich auch eingedämmt worden war, und über das bahnbrechende Heilmittel von Wayne Pharmaceuticals. Er könnte von Tim wahrscheinlich sogar mal die ganze Geschichte bekommen. Aber selbst wenn er normalerweise keinerlei Hemmungen hatte, andere um Hilfe bei seinen Hausaufgaben zu bitten – schließlich wusste Bart alles und Cassie war der einzige Grund, warum er in Geschichte nicht durchgefallen war – war er doch eher misstrauisch, dass er einfach bei Tim auftauchen und ihn ausfragen könnte über damals, als seine Organe sich beinahe verflüssigt hatten.

Kon stützte den Kopf auf seine Hand und besah sich seine Mitschriften. Er war sich nicht so ganz sicher, warum das so ein Problem war. Auf seinem Blatt stand: ‚HIV, Ebola übergesprungen von Wildfleisch. Notiz an mich – keine Affen essen!‘ Vielleicht war er nicht der beste Schüler der Welt, aber die Sache erschien ihm ziemlich klar… Auch wenn Baumhauer und ein paar der Anderen widersprochen hatten, als Dalton davon geredet hatte, warum es so gefährlich war, etwas zu essen, mit dem man nah verwandt war.

Mister Dalton stand vor der Klasse, die Hände in den Hüften, und sah frustriert zur Decke. Er war für eine ganze Minute still und starrte einfach nur in die Ferne, seine Lippen leicht zuckend. Dann sah er sich im Klassenzimmer um und klatschte ein paarmal in die Hände. Als das nicht funktionierte, erhob er seine Stimme über den Geräuschpegel: „Okay! Okay, alle zusammen, Ruhe! Lasst mich das nochmal versuchen.“ Die Geräuschkulisse verstummte und Dalton seufzte tief, bevor er erneut in seiner normalen Lautstärke ansetzte: „Ein deutscher Schäferhund sieht einem Wolf ähnlicher als ein Chihuahua, richtig? Er sieht ihrem letzten gemeinsamen Vorfahren ähnlicher. Aber weil er der Vorfahre aller Hunde ist, sind Chihuahuas und Schäferhunde auf dieselbe Art mit dem Wolf verwandt, genauso wie du und deine Schwester auf dieselbe Art mit eurer Mutter verwandt seid, selbst wenn einer von euch ihr gar nicht ähnlich sieht.“

Weiteres allgemeines Meckern ertönte. Kon bemühte sich nicht einmal, die Worte zu verstehen. Ein Mädchen hob ihre Hand und wartete, bis sie aufgerufen wurde, bevor sie meinte: „Aber ein Schäferhund ist trotzdem immer noch mehr wie ein Wolf als wie ein Chihuahua. Er ist größer und er kann jagen und hat so ziemlich dieselbe Statur?“

„Oberflächlich betrachtet“, stimmte Dalton zu. „Aber es gibt wichtige grundlegende Unterschiede. Wölfe bellen nicht – diese Eigenschaft ist erst in Hunden aufgetreten und nicht vorher. Außerdem vertragen Hunde eine deutlich vielseitigere Kost. Und es liegt bei ihnen eine extreme Neotenie vor – das heißt, sie ähneln eher Wolfswelpen als erwachsenen Wölfen. Deshalb lecken sie einem Gesicht und Hände – das ist unterwürfiges Welpen-Verhalten. Sie wollen, dass man ihnen etwas Karibu regurgitiert.“

Das Mädchen verzog das Gesicht und ein paar Leute lachten. Kon musste an Krypto denken und daran, was für verrückte Wolfsbestien-Vorfahren er haben musste. Es war wirklich ziemlich sonderbar, dass er Erdenhunden so ähnlich war, zumindest die meiste Zeit. Jedenfalls konnte Krypto sich sein eigenes Karibu fangen, wenn er wollte – und hin und wieder machte er das sogar. Kon hatte vor einer Weile mal ein halb zerkautes Elchgeweih im Garten ausgegraben und Martha fand ständig irgendwelche fremdartigen Federn und ähnliches unter den Verandastufen.

„Und der Stammbaum der Hominiden funktioniert genauso“, fuhr Dalton fort, als das Lachen verstummte. „Alle afrikanischen Menschenaffen-Arten sind näher miteinander verwandt als mit asiatischen Menschenaffenarten wie Orang-Utans oder Gibbons. Und die Gattung Pan ist näher mit der Gattung Homo verwandt als mit Gorilla.“

Die Geräusche aus der Klasse waren diesmal eine skurrile Mischung aus Feindseligkeit, Belustigung und Zweifeln. Kon erwischte sich selbst dabei, wie er skeptisch drein blickte und bemühte sich hastig, unterstützender auszusehen. Er schuldete Dalton wirklich sowas wie einen Gefallen.

„Natürlich sind Schimpansen und Bonobos enger miteinander verwandt als mit uns. Aber beide Spezies zeigen körperliche, genetische und kulturelle Merkmale, die sie viel mehr Menschen als Gorillas ähneln lassen.“

„Wir sind keine Affen!“, beharrte Baumhauer relativ laut. Bis jetzt hatte er hauptsächlich vor sich hin gebrummelt und Kon hatte schon längst gelernt, ihn einfach auszublenden.

„Korrekt!“, erwiderte Dalton fröhlich, „Cercopithecidae und Platyrrhini haben sich von Hominidae abgespalten, lange bevor Hominidae sich aufgespalten haben.“

Oh, jetzt forderte er es geradezu heraus. Dalton hatte Ernst gemacht, als er gesagt hatte, dass er darauf aus war, gefeuert zu werden. Es war es aber auch irgendwie wert, zu sehen, wie Baumhauers Gesicht sich unter den Pickeln purpur färbte.

„Ich hab gemeint, dass wir keine Tiere sind.“

„Bist du eukaryotisch?“

Baumhauer stockte. „Was?“

„Haben deine Zellen Zellkerne? Meine tun das. Ich hab sie sogar selbst gesehen. Wenn wir deine unter ein Mikroskop legen, nehme ich an, dass wir deine ebenfalls sehen.“

Baumhauer saß einfach nur da und funkelte Dalton böse an.

„Wenn ich dich ansehe, kann ich sagen, dass du mehrzellig bist. Isst du? Ja? Ich glaube, ich hab sogar schon gesehen, wie du in meinem Unterricht gegessen hast, entgegen der Laborregeln. Und ich bin mir relativ sicher, wenn ich dich unter einem Mikroskop ansehen würde, würde ich weder Zellwände noch Hyphen finden. Du bist auf jeden Fall freibeweglich“, sagte er, als Baumhauer langsam von seinem Stuhl aufstand. „Ich stelle besser keine persönlichen Fragen über deine embryonale Entwicklung, aber ich denke, wir können auch aus den bisher verfügbaren Daten zu einem recht sicheren Ergebnis kommen. Es tut mir leid, dir das so sagen zu müssen, Thomas, aber du bist in der Tat ein Tier. So wie ich auch. So wie alle hier im Raum. Bitte setz dich wieder hin.“

„Wir sind keine Tiere! Wir haben Vernunft und Nächstenliebe—“

„Genauso wie die meisten sozialen Säugetiere. Selbst Ratten zeigen Altruismus gegenüber ihrer eigenen Gruppe.“

„Wir sind näher an Gott!“, rief Baumhauer plötzlich. „Er hat uns nach seinem Ebenbild erschaffen und er hat uns erschaffen, um über die uns untergeordneten Geschöpfe zu herrschen!“

Dalton sah ihn einen langen Moment nur still an. Kon konnte Baumhauer schwer atmen hören; inzwischen war sein Gesicht feuerrot. Schließlich schluckte Dalton und meinte sehr ernst, all die Leichtigkeit aus seiner Stimme verschwunden: „Wir werden in diesem Klassenzimmer keine theologischen Diskussionen führen. Bitte setz dich hin, Thomas. Hat noch jemand Fragen?“

Baumhauer gab einen erstickten Laut von sich und schnappte sich die Bücher von seinem Pult. Als Dalton ihn nicht daran hinderte, stürmte er mit gesenktem Kopf aus dem Klassenzimmer.

Niemand sagte etwas. Kon wandte sich sehr bewusst wieder seinem Notizblock zu.

„Na dann“, gab Dalton scheinbar unbesorgt von sich, „wir sind für einen Tag weit genug vom Thema abgeschweift. Wollen wir zurück zu aufstrebenden Krankheiten gehen?“

*

Kon und Jake zeichneten sich im Kunstunterricht gegenseitig. Kons Zeichnung war fürchterlich wie erwartet und schließlich ließ Jake ihn den größten Teil der Stunde Ovale und Kreise quer über sein Blatt zeichnen. Allerdings ließ Jake Kon seine eigene Zeichnung nicht sehen, was Kon nicht wirklich fair fand, vor allem, weil sie wahrscheinlich echt gut war.

Der Tag verging ziemlich wie immer, außer, dass mehrere Leute seinen Namen riefen, als Kon mittags in die Cafeteria kam.

„Hey!“, rief Clarence und winkte ihm von einem Tisch aus zu, wo er zusammen mit Mel und Delilah saß, „Cowboy!“

Kon schüttelte amüsiert den Kopf, als er sich ein Tablett schnappte und anstellte. Es war Pizza-Tag, also bezirzte und bettelte er so lange, bis er zwei Stücke bekam, bevor er sich zu den Anderen setzte. „Hey“, begrüßte er sie, als er an den Tisch kam. An jemandes Tisch eingeladen zu werden, war ziemlich neu für ihn und er war sich nicht sicher, wie da die Etikette war. Normalerweise aß er möglichst schnell und ging dann, schließlich gab es nicht wirklich viele Leute, die unbedingt mit ihm reden wollten. Er würde draußen ziellos herumlaufen und mit seinen Freunden hin und her schreiben, wenn sie nicht gerade zu beschäftigt waren. Und manchmal, wenn er eine lange Textnachricht tippen wollte, wurde Bart ungeduldig und kam persönlich vorbei.

Clarence schob mit dem Fuß einen Stuhl für ihn heraus und rückte Mels Tablett etwas zur Seite, um Platz für ihn zu machen. „Was läuft, Cowboy?“

„Warum nennst du mich eigentlich so?“, fragte er, während er seine Pizza vorsichtig in der Mitte zusammenklappte und abbiss.

„Du lebst auf einer Farm, richtig? Mit Kühen und so?“

Kon kaute und schluckte, bevor er antwortete: „Woher zur Hölle weißt du das überhaupt?“

Delilah lachte leise. Ihre ganze Erscheinung wirkte gedämpft. „Dorfgemeinde eben. Jeder weiß alles über jeden.“

„Äh“, machte Kon zwischen zwei Bissen. „Ich bin glaub ich echt nicht gut mit dem Dorftratsch. Ich kenn niemanden.“ Er beobachtete verwirrt, wie Clarence sich nach vorne beugte und die Tomaten von Delilahs Salat klaute.

„Naja“, gestikulierte Mel mit ihrer Gabel, „ich schätze, du bist ja auch grad erst wieder zurück hierher gezogen. Und – ich will jetzt nicht unhöflich sein, aber ich seh dich auch praktisch nie mit jemandem reden.“

Kon setzte an, um zu entgegen, dass niemand ihn mochte, bis er feststellte, dass er gerade an einem Tisch saß mit mehreren Leuten, die ihn durchaus zu mögen schienen. „Ich nehm an, ich bin eben schüchtern“, gab er also stattdessen zurück.

„Mit Cross warst du nicht schüchtern“, erwiderte Delilah leicht bewundernd.

„Das ist was anderes! Ich mein—“, er brach ab, um einen Schluck von seiner Milch zu nehmen. Er hatte sich drei Päckchen Schokoladenmilch geschnappt, als die Köchin nicht hingesehen hatte; Supergeschwindigkeit musste schließlich zu irgendetwas gut sein. „Er war ein Arsch. Ist ja nicht so, dass ich mich besonders gern vor Leuten zum Affen mach.“

„Er ist der Rektor“, gab Mel vorsichtig zurück, „Er kann dir das Leben ziemlich schwer machen.“

Kon verschluckte sich an einem Lachen. Zum Glück schienen alle am Tisch zu denken, dass er sich an der Pizza verschluckt hatte. Es wäre schon ein kalter Tag in der Hölle, bevor Superboy sich vom Rektor einer High School einschüchtern ließe.

Außer er hätte Kryptonit-Laser oder so.

*

Kon war angenehm überrascht, dass es in der Schule keine weiteren Zwischenfälle gab. Das mit den Vollidioten, die versucht hatten Chase aufzulauern und wie sie den Hintern versohlt bekommen hatten, hatte sich wohl herumgesprochen. Kon war sich absolut sicher, dass keiner der beiden ein Meta war, wenn er überlegte, wie sie sich fast in die Hosen gemacht hatten, als er sie gepackt hatte, und wie erfolglos sie sich gewehrt hatten. Er hatte sie lange genug über dem Boden baumeln lassen, dass er zusehen konnte, wie sie Angst bekamen. Dass er ihren Herzschlag so lange hörte, bis er sich sicher war, dass sie wirklich Angst hatten und nicht nur schauspielerten, um ihre eigene Stärke und Zähigkeit zu verstecken. Dann hatte er sie vorsichtig wieder abgesetzt und Chase gebeten, Dalton zu holen, der zusammen mit dem Chemielehrer, dessen Klassenzimmer nebenan war, angelaufen gekommen war. Sie hatten die beiden Jungen ins Sekretariat gebracht und Cross hatte Chase und seine beiden Angreifer dazu verhört, was passiert war. Kon war nicht gebeten worden mitzukommen, aber er hatte auf dem Gang gewartet und zugehört. Niemand hatte erwähnt, dass die Füße der beiden in der Luft gebaumelt hatten. Was gut war. Es war doch ein wenig riskant gewesen.

Er hing trotzdem noch in der Bibliothek herum. Das Football-Team trainierte zwar nicht, aber die Theatergruppe probte und ein paar der Kids aus dem Club waren dabei. Sie waren wahrscheinlich in Sicherheit, immerhin waren sie zu dritt, aber Kon blieb trotzdem in der Nähe. Er war froh, dass er noch hier war, als er sein Gehör über die gesamte Schule ausstreckte und merkte, dass noch jemand im Kunstraum war. Nachdem er sich kurz noch weiter darauf konzentrierte, ahnte er auch, wer.

Als er mit seinen Hausaufgaben für Mathe und Englisch fertig war und immer noch Pinselstrich-Geräusche hören konnte, packte er seine Sachen zusammen und ging den Gang hinunter. Die Tür stand einen Spalt offen, weshalb er kurz klopfte, bevor er sie auf schob.

Jake stand an einer Staffelei weiter hinten im Raum, wo sie normalerweise auch saßen, halb verdeckt von einer mindestens einen Meter großen Leinwand. Er hatte Farbe auf seiner Kleidung – vornehmlich rot und blau. Und gelb entlang der gesamten Außenseite seines Arms. Er erschrak, als Kon hereinkam und schob sich die Haare aus den Augen, wobei er blaue Farbe in die vorderen Strähnen bekam. „Hey!“, begrüßte er ihn strahlend, wenn auch gehetzt und ein wenig nervös. Als Kon zu ihm hinüber gehen wollte, kam er ihm hastig entgegen und wischte sich die Finger an einem Lappen ab. „Was machst du denn noch hier?“

„Ich war in der Bibliothek“, antwortete Kon, was ja der Wahrheit entsprach, „Trigonometrie gibt mir echt noch den Rest.“

„Oh. Echt? Ich bin… Ich mein, ich bin kein Mathegenie, aber ich bin nicht schlecht drin? Vielleicht kann ich dir da weiterhelfen?“

Kon lächelte breit: „Oh, hey, das wär klasse“, gab er begeistert zurück, „Ich hab echt keine Ahnung, wie du das machst – du bist echt der meistbeschäftigte Typ, den ich kenne.“ Der keine Strumpfhosen trug, fügte er in Gedanken noch hinzu.

„Naja“, fing Jake an, als er sich die Hände waschen ging, „du könntest im Laden oder im Diner vorbei kommen und ich könnte multitasken.“ Er drehte sich um und lehnte sich an den Tisch. „Außer du denkst, dass du meine ungeteilte Aufmerksamkeit brauchst.“

„Ha, vielleicht?“, gab Kon lachend zurück. Seine Hand ging in seinen Nacken. „Ich bin wirklich ziemlich mies.“ Jake lächelte nur, während er anfing, Farben wegzuräumen und Pinsel auszuwaschen, weshalb Kon zu der Leinwand hinüber ging, an der er gearbeitet hatte.

„Warte!“, sagte Jake und machte einen Satz nach vorn, um ihn am Arm zurückzuhalten, „Nein, nicht!“ Als Kon ihn verwirrt ansah, verzog er das Gesicht und sah zu Boden. „Ich bin noch nicht fertig.“

„Okay“, erwiderte Kon und trat einen Schritt zurück. Er glaubte nicht, dass es Jake vorher je etwas ausgemacht hatte. Er war sogar ein wenig enttäuscht – er sah ihm gerne beim Malen zu.

Jake ging an ihm vorbei, um die Leinwand zu nehmen, wobei er darauf achtete, dass sie immer zur Wand zeigte. „Nicht gucken, okay? Lass mich hier grad fertig Ordnung machen und—“ Er verstaute die Leinwand in einem der Materialschränke. „Soll ich dich mitnehmen?“

Kon dachte ein paar Sekunden darüber nach. Die Theatergruppe wäre auch bald fertig und es klang so, als wollten die drei Kids, die er kannte, noch zusammen Eis essen gehen. Es war nicht so, dass ihn jemand nach Hause fahren musste, aber es war nett von Jake, es anzubieten und Kon verbrachte gern Zeit mit ihm. Er hatte auch alle schweren Farmarbeiten schon erledigt, es hielt sie also nichts davon ab, eine Weile gemeinsam abzuhängen. „Klar“, gab er zurück.

Jakes breites Lächeln erschien plötzlich. Er verstaute seine Sachen in einem Leinensack, den er sich über die Schulter hängte. „Können wir?“

Die Fahrt zur Farm verging entspannt. Jake fragte ihn ein wenig in Trigonometrie aus, bis Kon sich lachend entschuldigte, sich in den Sitz zurücksinken ließ und sein Gesicht vergrub. Sie redeten ein wenig über die Farm und darüber, wie es im Laden wieder ruhiger wurde, jetzt, wo die Frühlingsaussaat so gut wie durch war. Als sie noch etwa fünf Meilen vom Haus entfernt waren, sah Kon zum Fenster hinaus und entdeckte weit hinten Krypto, der Kühe jagte, aber Jake schien nichts zu bemerken, vielleicht war er also außerhalb der menschlichen Sichtweite. Kon fragte Jake, wie viele Kilometer er aus Keimöl herausholen konnte, was ihm eine Tirade über fossile Brennstoffe einbrachte, die die gesamte Länge des Kieswegs bis zur Farm hinaus dauerte.

Als sie in die Einfahrt fuhren, stand Marthas Truck nicht dort. Jake schaltete den Motor ab und Kon weitete in der plötzlichen Stille sein Gehör aus, bis er sie bei Mrs. Riley die Straße hinauf fand, Tee trinkend und über Maispreise und ihre Liebesromane plauschend. Erst als Jake sich leise räusperte, realisierte er, dass er nur dagesessen und zur Windschutzscheibe hinaus gestarrt hatte.

„Also…“, meinte Jake. Seine Finger spielten mit einem Flicken Gewebeband auf dem alten Kunstledersitz, sein Arm ruhte auf der Lehne. Seine Augen folgten seiner Hand und eine leichte Röte stieg in sein Gesicht. „Ähm…“

Kon wartete. Es gab da offensichtlich etwas, das Jake sagen wollte. Die Hand am Lenkrad ver- und entkrampfte sich immer wieder und sein Fuß ging immer wieder gegen das Bremspedal.

„Wegen… äh. Wegen. Du weißt schon. Dem Ball.“

Oh. Oh. Kon kam sich wie ein Idiot vor. Er spürte, wie ihm ebenfalls die Röte ins Gesicht stieg – er errötete nicht oft, aber es passierte – und senkte den Blick. „Jake…“

Jake musste in seiner Stimme etwas gehört haben, denn er zuckte zusammen und riss seinen Arm zurück, um das Lenkrad wieder mit beiden Händen zu greifen, sein Blick starr geradeaus gerichtet. „Ja, ich – tut mir leid.“

„Nein“, versicherte Kon hastig, denn, verdammt, Jake war sein erster Freund seit einer Ewigkeit, der nicht Verbrecher jagte. „Ich bin nicht – es ist nur. Es gibt da – jemanden. Von außerhalb.“

Jake stieß ein langgezogenes Seufzen aus und drehte sein Gesicht zum Fenster. „Ja, das… dachte ich mir schon. Dein, äh. Freund. In Gotham? Tim?”

Kon blieb der Mund offen stehen.

„Ich hab‘s eben einfach versuchen müssen. Ich mein…“ Er schnaubte frustriert. „Ich schätze, ich hab gehofft, dass er zu weit weg wohnt, aber du hast ja schon gesagt, dass du ihn oft siehst, von daher… Und ich dachte vielleicht, wenn er nicht kommt…“ Er ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken und sah aus dem Augenwinkel zu Kon. „Kommt er?“

„Ähm“, machte Kon und versuchte nicht in Panik zu verfallen.

*

Zwanzig Minuten später ging er in Alvin Drapers Wohnung rastlos auf und ab. Tim saß im Schneidersitz auf der Couch, seine Ellbogen auf seinen Knien ruhend und seine Hände locker vor dem Mund gefaltet wie bei einem Superschurken. „Alter“, meinte Kon, als er auf und ab ging, „du darfst nicht lachen.“

„Ich bin mir nicht sicher, dass ich das versprechen kann“, gab Tim hörbar belustigt zurück.

Kon wirbelte herum und zeigte mit einem Finger auf ihn. „Nein, Mann! Du darfst nicht lachen. Ernsthaft!”

Tim lächelte nur ein kleines bisschen mit einem Mundwinkel. Es war derjenige Gesichtsausdruck, den er immer machte, wenn er dachte, dass Kon ein Idiot war, es ihm aber nicht viel ausmachte. Kon konnte ihn nicht mal ansehen. Er drehte sich um und starrte durch das winzige, verdreckte Fenster auf die Ziegelmauer des Nachbargebäudes. „Du musst mein fester Freund sein“, sprach er es hastig aus und biss sich auf die Lippe.

Tim hinter ihm war absolut still. Er hörte keinerlei Geräusche mit Ausnahme seines Herzschlags und seiner Atmung – und keines von beidem änderte sich mit Kons Erklärung. Als Tim nicht einmal zuckte, sah Kon sich schließlich zu ihm um.

Er hatte sich nicht bewegt. Auch wenn es sich anfühlte, als hätte er sich bewegt. Was vorher wie eine wachsame Pose gewirkt hatte, schien jetzt etwas komplett anderes zu sein. Auf seinem Gesicht lag ein abwägender Ausdruck und er sah… naja, er sah mit einem Mal viel mehr nach Red Robin als nach Tim aus, auch wenn Kon nicht wirklich wusste, was diesen Unterschied ausmachte.

„Es ist… Also es wäre ja nur zur Tarnung, richtig? Du bist bei Undercover-Sachen gut. Ich bin scheiße drin. Ich schaff es ja grade so, Conner fucking Kent zu sein—“

„Okay“, willigte Tim ein.

„Und ich muss in der Nähe dieser Kids bleiben. Sie sind ernsthaft in Gefahr. Und das bedeutet, ich muss mich anpassen. Ich muss zu diesem Ball und ich kann schlecht Cassie mitbringen—“

„Kon—“

„Du hast echt einen Gefallen gut! Ich mein, ich schulde dir eh schon, was, mindestens ein Dutzend Gefallen? Und da ist Titans-Zeug noch nicht mal mit eingerechnet—“

„Kon!“

Kon hatte nicht mal realisiert, dass er erneut auf und ab ging. Er hielt inne und drehte sich zu Tim um, der ihn direkt ansah. „Ja?“

„Ich mach es. Wann ist der Ball?“

„Ähm“, machte Kon blinzelnd. Er hatte damit gerechnet, dass er mehr Überzeugungsarbeit leisten müsste. Vielleicht sogar betteln. „Freitag. Wirklich? Du machst es?“

„Natürlich.“

Kon stieß ein erleichtertes Seufzen aus. Er ließ sich wie ein Blatt im Wind treiben, bis er ausgestreckt neben Tim auf der Couch lag. „Himmel! Danke, Mann! Es ist nur – da ist dieser Junge?“

Tim zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Nicht so“, winkte Kon ab, „aber ich glaub, ich hab ihm was vorgemacht? Vielleicht? Ich hab es nicht mal gemerkt – ich war so verdammt stolz auf mich, dass ich eine neue Freundschaft geschlossen hab, weißt du?“ Er ließ den Kopf in seine Hände fallen. „Mann, bin ich schwer von Begriff.“

Ohne Supergehör hätte man Tims Schnauben wahrscheinlich nicht wahrgenommen.

„Ach klappe!“, sagte Kon und lächelte ihn verlegen von zwischen seinen Fingern an.

~> tbc in Teil 10