Der Name der Frau war Justine und sie war Daltons Lebenspartnerin. Kon hatte sich noch kurz die Zeit genommen, um sich sein Gesicht am Waschbecken der Kaffeeküche zu waschen und um sich seinen eigenen Pappbecher voll grässlichem Kaffee zu holen, bevor sie zusammen zur Schwesternstation gegangen waren, um die nötigen Unterlagen auszufüllen.
„Ich hab einen Schlüssel, aber wir wohnen nicht zusammen“, sagte sie, als sie den Gang entlang schritten, „Alex hat sich Sorgen gemacht, dass er ins Visier geraten würde, wenn er sich mit diesem dummen Anti-Evolutions-Gesetz anlegt. Ich hab eine Tochter mit meinem Ex-Mann und die meiste Zeit lebt sie bei mir, weshalb wir beide dachten, dass es so sicherer ist. Für sie. Und… Himmel! Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass sie letzte Nacht bei ihrem Vater war. Ansonsten hätte ich sie dabei gehabt, als ich dort angekommen bin und—“ Sie seufzte. „Ich dachte ehrlich, er wäre tot“, gab sie leise zu, ihren Kopf gesenkt.
„Es tut mir so leid“, meinte Kon.
Justine schüttelte den Kopf. „Alex würde uns beide zusammenstauchen, wie wir denn überhaupt auf den Gedanken kommen, dass es auf irgendeine Weise deine Schuld sein könnte. Er ist wirklich stolz auf dich, Conner. Darauf, was du tust. Schon die ganze Woche kommt er nach Hause mit Geschichten über diesen brillanten jungen Aktivisten—“
Kon konnte nicht anders als zu lachen. „Brillant? Ich – Nein, ich bin ziemlich sicher, dass er Mel oder so jemanden meint. Ich bin nicht—“
„Und er erzählt, was für eine Bereicherung du für den Unterricht bist. Du hast immer Fragen, an die er bisher noch nie gedacht hat.“
Normalerweise wenn er zuvor gegen riesige Insekten gekämpft hatte oder so. Und er war echt verdammt froh, dass er all die Fragen über Mollusken gestellt hatte. Ihm fiel nur absolut kein Weg ein zu erklären, wie hilfreich es gewesen war zu wissen, dass Tintenfische richtig fucking schlau waren, als er einen von der Größe eines Hauses versucht hatte zu verprügeln.
Weitere Verlegenheiten blieben ihm aber erspart, als sie an der richtigen Tür ankamen. Eigentlich war es ziemlich offensichtlich, jetzt wo sie hier waren, weil es vermutlich nicht viele Türen auf diesem Stockwerk gab, vor denen Polizisten saßen.
„Ma’am“, machte der Typ und seine Hand ging an seine Stirn.
„Das hier ist Conner“, erklärte Justine, „Ich habe ihn gerade erst zum Liste der erlaubten Besucher hinzugefügt.“
„Alles klar“, gab er zurück. Er nickte Kon zu: „Hi, Junge.“
Kon nickte ebenfalls, dann gingen sie hinein.
Oh Gott! Kon hatte Krankenhäuser immer schon gehasst und jetzt wurde ihm auch bewusst warum. Die Geräusche waren alle absolut falsch. Er konnte Daltons Atmung hören und es war – sie war falsch. Feucht und matt und – er gab sich Mühe, es zu ignorieren, aber es fiel ihm schwer. Daltons Herzschlag war schwach und langsam. Kon konzentrierte sich auf das Surren des Beatmungsgeräts, das Piepsen des Monitors, aber das machte es nicht besser. Justines Armbanduhr tickte. Okay. Darauf könnte er sich fokussieren. Tick tick tick.
Justine zog den Vorhang zurück und Kon zwang sich, ans Bett heranzutreten. Himmel, Dalton wirkte so klein. Er war wie eine Mumie in Verbände eingewickelt, mit Gaze um seinen Kopf herum und Schläuchen in seiner Nase und seinen Rachen hinunter. Das, was Kon von seiner Haut sehen konnte, war abwechselnd weiß und blaue Flecken, mit Ausnahme seiner Hände, die knallrot waren, wo seine Finger aus den Verbänden hervor lugten.
„Was ist denn mit seinen Händen passiert?“, fragte Kon heiser.
„Heißes Wasser“, antwortete Justine und klang dabei seltsam stolz, „Der Herd war noch an und über den ganzen Boden war Pasta verschüttet. Die Polizei meint, dass er den Topf wohl als Waffe verwendet hat.“ Sie setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett – dieser hier in einem dezenten Grau gepolstert und sogar mit Armlehnen – und deutete Kon, sich ebenfalls zu setzen. „Die Verbrennungen sind nur oberflächlich – er hat sich lediglich verbrüht.“
Kon zog den zweiten Stuhl näher an das Bett heran und setzte sich. Er wusste einfach nichts mit sich anzufangen. Er war so darauf fokussiert gewesen, hierher zu kommen, dass er an den nächsten Schritt nicht einmal gedacht hatte.
„Er ist nicht aufgewacht“, sagte Justine leise, „Nicht mal für eine Minute oder zwei. Es sind jetzt etwa zwölf Stunden. Die Ärzte haben gesagt… Die meisten Leute wachen gar nicht mehr auf, wenn sie nicht innerhalb der ersten 24 Stunden wach werden.“
Ein Knirschen ließ Kon einen Blick nach unten werfen. Hastig ließ er die Armlehnen los und verschränkte seine Hände in seinem Schoß. „Mein Freund…“, begann er, wobei er versuchte, hoffnungsvoll zu klingen, „Sein Dad lag sechs Monate lang im Koma.“ Natürlich hatte Tim zu jener Zeit Kon nichts davon erzählt – sie hatten sich kaum gekannt. Erst nachdem er das Team verlassen und wieder zurückgekommen war, hatten Tim und er sich überhaupt mal zusammengesetzt und über Tims Familie geredet. „Er musste in Therapie und sowas, aber nach einer Weile ging es ihm wieder gut.“ Kon sah zu Justine auf. Ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammen gepresst. „Er hat—“
Justines Gesichtsausdruck wurde etwas weicher. „Er hat…?“
„Geheiratet“, beendete Kon seinen Satz, mit einem Mal unsicher. Er wusste nicht so recht, wie er sich mit der Freundin seines Lehrers über Beziehungen und ähnliches unterhalten sollte. Es fühlte sich ähnlich an, wie wenn Martha wieder Verabredungen hätte oder wie wenn er an all die Male dachte, als er Lois angebaggert hatte.
Justine lächelte, auch wenn Kon eher das Gefühl bekam, dass sie mehr amüsiert als beruhigt war. „Gut zu wissen. Aber – naja, Alex hat eine Patientenverfügung. Wenn er nicht innerhalb von ein paar Tagen ohne Maschine wieder richtig atmen kann…“
„Natürlich atmet er nicht richtig!“, brach es aus Kon heraus, „Seine Rippen sind alle—“ Er hielt inne. „Äh. Abgeklebt.“ Er überprüfte das kurz. Ja, sie waren abgeklebt. Das war gut. Er wollte nicht im Leben versuchen zu beschreiben, wie diese Muskeln klangen, wenn sie sich gegen gebrochene Knochen bewegten.
„Da ist noch mehr, Conner. Ihm wurde ziemlich fest auf den Kopf geschlagen. Er hat den Schlag überlebt, aber er hatte eine Gehirnblutung. Das ist sehr schlecht. Die Blutung hat aufgehört, aber wir können nicht sicher sein, wie viel Schaden wirklich angerichtet worden ist, bis die Schwellung kleiner wird. Er ist noch nicht aus dem Gröbsten heraus. Sie haben Shunts eingesetzt, für den Druck, aber das Risiko für Sekundärverletzungen ist immer noch vorhanden. Er könnte einen Schlaganfall haben.“ Sie sah zu Kon auf. „Ich will, dass er wieder aufwacht. Natürlich will ich, dass er wieder aufwacht. Ich will, dass er jetzt, in diesem Moment, aufwacht. Aber wenn er das nicht tut… Alex würde nicht so dahinvegetieren wollen. Verstehst du?“
Kon beobachtete, wie Daltons Bauchdecke sich in einer kruden Imitation menschlicher Atmung hob und senkte. Niemand atmete so regelmäßig. Nicht einmal Tim. Nicht einmal, wenn er schlief. „Wenn er jetzt wach wäre, würde er wahrscheinlich sagen, dass er keine Photosynthese betreiben kann.“
Er vernahm ein seltsames Geräusch und drehte den Kopf. Justine hatte beide Hände vor den Mund geschlagen und schien gleichzeitig zu lachen und zu weinen. „Ja, würde er“, keuchte sie und biss sich auf die Handknöchel.
Kon teilte seine Taschentücher mit ihr – nicht die durchnässten, sondern die Handvoll, die er sicherheitshalber noch in seine Tasche gesteckt hatte. „Kann ich irgendwas für Sie tun?“
Sie schniefte. „Du bist wirklich nett. Aber außer du bringst mir den Kopf von diesem Bastard, der das hier getan hat…“
Kon versuchte es ja. Aber… Scheinbar nicht hart genug. Diese Einsicht traf ihn mit einem schmerzhaften Stich von Wut und Selbsthass. Matts Mörder war schon seit über eine Woche auf freiem Fuß und jetzt hatte er wieder zugeschlagen. Wenn Kon ihn nur früher geschnappt hätte. Wenn er nur härter daran gearbeitet hätte. Wenn er nur mehr Zeit mit dem Fall verbracht hätte, anstatt verdammte Tomaten zu pflanzen. Wenn er nur Tim nicht die halbe Nacht von seiner Laborarbeit abgelenkt hätte—
„Kann ich eine Minute mit ihm allein haben?“, fragte Kon.
Justine warf ihm einen eigenartigen Blick zu, nickte jedoch und stand auf. „Kaffee?“, fragte sie.
Kon schüttelte den Kopf, dass er keinen wollte. Sobald sie das Krankenzimmer verlassen hatte, stand er auf und hob vorsichtig Daltons einbandagierte Hand an, umschloss sie mit seinen beiden. „Tim sagt ja, Leute, die im Koma liegen, können einen nicht wirklich hören.“
Natürlich antwortete Dalton nicht. Der mechanische Rhythmus seines Atems veränderte sich nicht. Seine Lider flatterten nicht. Sein Puls blieb gleichmäßig. Er schloss nicht ebenfalls seine Finger um Kons.
„Vielleicht ist das was Gutes? Ich weiß nicht. Ich sollte das hier nicht tun, nur für den Fall, dass... Aber…“ Kon nahm einen tiefen, zittrigen Atemzug. „Ich kriege diesen Bastard. Okay? Ich werde—“ Er brach ab, als sich sein Kopf mit grausigen Rachefantasien füllte – gebrochene Knochen, eingeschlagene Gesichter, gebrochene Genicke. Er schloss seine Augen gegen die plötzliche Woge von Rot, auch wenn er sie selbst mit geschlossenen Lidern noch sah. „Ich verspreche Ihnen, dass er niemanden mehr verletzt. Ich verspreche es.“
Die Maschinen surrten weiter. Kon stand eine Weile einfach nur so da, spürte Daltons Blut durch seine Finger pochen. Es war das Einzige, das sich an ihm immer noch richtig und lebendig anfühlte.
Als Kon das leise Tappen strumpfsockiger Füße auf dem Gang hörte, öffnete er das Fenster und schlüpfte hinaus, bevor er es hinter sich wieder schloss.
Der Handyempfang auf dem Dach war bescheiden, weshalb er erneut im Park landete, bevor er Tim anrief. „Ich brauch die Ergebnisse“, legte Kon sofort los, als Tim abhob, ohne ihm die Möglichkeit zu geben etwas zu sagen.
Tims Seufzen toste wie statisches Rauschen in seinen Ohren. „Ich bin beim dritten Durchgang.“
„Was?“
„Ich war die ganze Nacht wach. Den ersten Satz Ergebnisse hatte ich kurz nachdem du weg warst. Der Teil, der so lange gedauert hat, war das Isolieren und Replizieren, so dass ich genug Material hätte, mit dem ich arbeiten kann. Jetzt wo ich es hab—“ Er seufzte erneut. „Ich hab inzwischen zwei unterschiedliche Testreihen durchgeführt und warte gerade auf die dritte. Ich hoffe noch, dass ich irgendwie etwas vermasselt hab, aber…“
„Was willst du mir sagen?“
„Die Proben, die du mir gebracht hast, fallen negativ auf das aktive Meta-Gen aus, Kon. Alle. Ich bin die Zahlen immer wieder durchgegangen, aber – was war das?“
Kon setzte sich auf den Baum, den er gerade umgestoßen hatte. „Nichts. Bist du sicher? Absolut—“
„Eindeutig“, beharrte Tim, „Unser mutmaßlicher Täter ist nicht darunter. Das ist das Worst-Case-Szenario, weil wir hiervon niemanden ausschließen können. Wir haben nur nach einem Anhaltspunkt gesucht. Spinde sind nicht gerade sicher und Teamkameraden teilen sich ständig Dinge… Und es ist möglich, dass dein Mörder darunter ist, aber dieses Wochenende einfach nichts in seinem Spind gelassen hat.“
„Ich weiß“, knurrte Kon. Er hieb auf den Baum neben seiner Hüfte ein und um ihn herum flogen Rinden- und Holzstücke auf. „Tim.“ Er konnte hören, wie ihm seine Stimme versagte, „Was soll ich nur machen? Mein Lehrer—“
„Ich weiß“, gab Tim zurück, „Ich hab die Berichte. Es ist dasselbe wie letztes Mal. Keine Abdrücke, kein Spurenmaterial, Aufschlagsverletzung, übermäßige Gewaltanwendung, Körperkraft auf Meta-Niveau—“
„Dalton hat zurückgeschlagen“, meinte Kon leise, „Er hat sich gegen den Bastard gewehrt. Er hat kochendes Wasser im ganzen Raum verteilt. Er könnte verletzt sein. Kannst du rausfinden, ob in der Umgebung jemand wegen Verbrennungen behandelt wird?“
„Ich kann es versuchen“, antwortete Tim, „Ich setze Oracle darauf an. Wir überprüfen Krankenhausunterlagen, Notrufe… Aber er ist ein Meta, Kon. Vielleicht benötigt er gar keine medizinische Hilfe.“
„Ich weiß“, gab Kon hilflos zurück, „Ich weiß. Aber mehr fällt mir grad nicht ein!“
„Besorg mir Fotos davon“, wies Tim ihn entschlossen an, „Im Bericht gab es nur zwei Aufnahmen, beide von deinem Lehrer und nicht vom Tatort.“
Kon rappelte sich auf. Er nahm seine Brille ab und legte sie ordentlich zusammen, bevor er sie in seine Tasche steckte und sein Hemd öffnete. „Ich brauch seine Adresse.“
*
Daltons Haus war klein und lag nah genug an der Schule, dass Dalton vermutlich zur Arbeit laufen konnte. Ein gelbes Absperrband klebte um den Carport und vor den Türen, aber niemand befand sich im Gebäude und es waren auch nirgends Polizisten zu sehen.
Vom Holz um die Türverriegelung waren nur noch Splitter übrig; ihr Meta war ganz offensichtlich hier gewesen. Kon ballte eine Hand zur Faust und legte sie in die Mitte der Zerstörung: Ein tiefes Loch, das fast komplett das Holz durchschlagen hatte. Ja, das war ein Faustschlag gewesen. Er konnte die Form einer Faust in dem zusammengedrückten Holz unter seiner Hand spüren. Wer auch immer das getan hatte, war kleiner als Kon gewesen, oder zumindest seine Hände waren das. Oder ihre. Er vergaß immer wieder, dass sie nicht einmal wussten, ob der Mörder ein Mann oder eine Frau war. Wenn Cassie das wüsste, würde sie ihm dafür eine verpassen. Kon machte ein paar Fotos von der Tür, eins davon mit seiner Hand als Maßstab. Dann schob er die Tür auf und trat in einen kurzen Flur mit offenen Türen auf beiden Seiten. Eine Tür führte ins Wohnzimmer und die andere in die Küche.
Sie hatten die Pasta nicht aufgewischt. Überall lagen einzelne Nudel und Klumpen davon, blassrosa wie auch die Fliesen, wo Blut und Wasser über den Boden gelaufen waren. Am dunkelsten war die Farbe neben dem Herd: Ein dunkles Rotbraun ähnlich wie die Farbe von alten Ziegeln.
Kon fügte Marinara-Sauce seiner Liste von Dingen hinzu, die er nie wieder essen würde, direkt nach Wurst und Calamari. Er machte aber die Fotos, wobei er immer wieder schwer schluckte und darauf achtete, nicht durch die Nase einzuatmen. Er machte Bilder aus allen nur erdenklichen Winkeln und schickte sie Tim. Dann sah er verflucht nochmal zu, dass er hier weg flog.
Er drehte einige Runden um den Ort, um etwas seiner nervösen Energie loszuwerden und um zu kontrollieren, dass es allen gut ging. Rebecca war zuhause, wo sie mit zwei anderen Frauen in ihrer Küche saß. Der Unterricht wäre bald zu Ende. Er zählte alle Clubmitglieder zusammen und fand sie auch alle in ihren Klassen, mit der Ausnahme von Jake. Er war weder in der Bibliothek noch im Kunstunterrichtsraum. Er war auch nicht im Werkraum oder im Diner. Kon fand ihn nirgends, bis er fast zuhause war und einen wohlbekannten alten Pickup in der Auffahrt neben Marthas stehen sah.
Er landete hinter ein paar Bäumen, einige hundert Meter entfernt, und ging zu Fuß den Kiesweg entlang. Krypto kam ihm mit einem verrosteten Fahrradgestell im Maul entgegen, das hintere Ende abgekaut, bis es glänzte. Kon streichelte ihm den Kopf und nahm das Fahrrad, bevor er mit einem Blick das Haus absuchte. Jake saß mit Martha am Tisch und trank Eistee. Keiner von beiden sah zum Fenster hinaus, und so drehte Kon sich um seine eigene Achse und warf das große Stück Schrott wie einen Diskus, so dass es in die untere Stratosphäre gewirbelt wurde.
Was machte Jake hier überhaupt? Kon hatte sich ihm gegenüber heute Morgen schrecklich verhalten und ähnlich schlimm gestern Abend, als er ihn so panisch einfach in der Auffahrt hatte stehen lassen. Kein Wunder, dass Conner Kent so wenige Freunde hatte. Er war ein ziemliches Arschloch.
Aber sie warteten wohl trotzdem auf ihn, also lief er die Straße entlang und ums Haus zur hinteren Veranda. Als er die Hintertür öffnete, sprang Jack auf und begrüßte ihn. „Conner“, atmete er deutlich erleichtert auf. Er ging ein paar Schritte auf ihn zu, bevor er auf halbem Weg unschlüssig anhielt.
Kon löste das Problem mit einer kurzen Umarmung und einem Schulterklopfen. „Alles okay bei dir?“
Jake machte einen Schritt zurück und starrte ihn ungläubig an. „Bei mir?“
„Ja, bei dir. Mann, es tut mir echt leid. Ich bin einfach irgendwie ausgerastet—“
„—weshalb ich mir Sorgen gemacht hab.“ Er seufzte und verdrehte die Augen. „Ich hab drei Krankenhäuser angerufen, aber niemand wollte mir auch nur irgendwas sagen und schließlich hat jemand gesagt, dass sie dich gesehen haben, aber du schon wieder weg bist und dann wusste niemand, wo du bist und – du warst so—“ Er seufzte erneut.
„Hat mich angerufen, ganz verzweifelt“, fügte Martha vom Tisch aus hinzu, „Ich hab ihm gesagt, du würdest sicher irgendwann nach Hause kommen und er könnte gerne auf dich warten.“ Sie lächelte, ein Funkeln in ihren Augen. „Er ist im Warten etwa so gut wie dein Freund draußen in Keystone.“
Oh Gott! Kon hätte trotz allem am liebsten gelacht, weil ernsthaft? Niemand konnte so schlimm wie Bart sein!
„Hat für mich die Wäsche herein getragen“, redete Martha nach einem Schluck Tee weiter, „sie zusammengelegt und alles. Ich denke, er hätte auch noch den Hühnerstall ausgemistet, wenn ich ihn nicht mit mir Einmachgläser hätte aufstellen lassen.“
Kon stellte fest, dass unter Jakes Teint einfach kein Erröten sichtbar war. Allerdings waren seine Ohren ziemlich rot.
„Er ist ein anständiger Junge“, meinte sie leise, „Ein anständiger Freund.“
Kon schätzte, dass alles, was er noch sagen könnte, Jake nur noch mehr in Verlegenheit bringen würde, also klopfte er ihm stattdessen auf die Schulter und setzte sich. „Ich musste nur… einen klaren Kopf kriegen. Ich bin… durch die Gegend gelaufen. Hab mit ein paar Leuten geredet.“
„Tim?“, fragte Jake, als er sich neben ihn setzte. Als Kon nickte, fragte er weiter: „Hast du… ähm. Weißt du schon, ob er am Freitag da ist?“
Martha leistete ganze Arbeit, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen, obwohl Jake es trotzdem bemerkt haben musste, denn er zuckte zusammen. „Es ist so schön, im Vorhinein zu wissen, wenn deine Freunde zu Besuch kommen. Ich sollte am besten einen Kuchen backen. Einen Blaubeerkuchen.“
Kon errötete bis in die Haarspitzen. „Er hat doch gesagt, dass es ihm leid tut“, versicherte er hastig, „Du weißt, wie verrückt diese Stadt ist. Er hatte—“, er warf einen Blick zu Jake, „Verpflichtungen. Und du weißt auch, wie seine Familie drauf ist.“
Martha schnaubte. „Du bist genau wie Clark und lässt diese ganze Sippe mit dir umspringen, wie es ihnen gerade passt. Alfred sollte jeden einzelnen dieser Jungs übers Knie legen und ihnen den Hintern versohlen, so wie sie sich ständig verhalten.“
Das mentale Bild des drahtigen, mürrischen Alfred, der Batman übers Knie legte, war genug, dass Kon sich an seinem eigenen Lachen verschluckte und den Kopf auf die Tischplatte fallen ließ.
„Ach, Du meinst also, dass ich Witze mache“, meinte Martha schelmisch, „Ich weiß, er ist ein anständiger Junge, Conner, und ich weiß, dass du ihm wichtig bist. Aber ich hoffe, dass du dir das alles gut überlegt hast.“
Kon wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Jake hatte mit keinem Wort den Ball erwähnt, außer er hatte ihn vor Kons Ankunft erwähnt. Was meinte Martha nur, dass vor sich ging? Mit Jake hier konnte er sie nicht wirklich fragen. War es wegen des Clubs?
Jake für seinen Teil saß betreten am Tischende und beobachtete aufmerksam die bernsteinfarbenen Eiswürfel in seinem Glas. „Ich sollte, äh. Dann mal gehen.“
„Oh nein“, warf Martha ein, bevor Kon auch nur den Mund aufmachen konnte, „Ich wollte dich ganz bestimmt nicht vertreiben, Jacob.“
Aber Jake war bereits aufgestanden. „Ich bin aus dem Unterricht weg, sobald sie uns aus der Turnhalle raus lassen haben. Dad ist sicher stinksauer. Die haben ihn bestimmt angerufen.“ Er zog den Kopf ein, als er zu Martha sah. „Vielen Dank, dass ich hier warten durfte. Und für den Tee.“
Martha schien amüsiert, aber nickte zurück.
Kon stand ebenfalls auf und begleitete ihn noch nach draußen. „Meinst du nicht, dass er dich verschonen wird, mit allem, was passiert ist?“
Jake antwortete erst, als Kon die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. Er lehnte sich gegen den Verandapfosten bei den Stufen und sah Kon nicht an. „Dafür muss ich‘s ihm erst mal sagen, oder?“
Kon hielt hinter ihm an, direkt vor der obersten Stufe. „Oh“, machte er, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte.
Jake lachte leise, klang aber keinen Deut glücklicher. Das war etwas, das Tim und er beide machten – zu lachen, wenn es nichts zu lachen gab. Die Schärfe des Geräuschs ließ Kon seine Hand ausstrecken und Jakes Rücken berühren, zwischen seinen Schultern. Sein Herzschlag unter Kons Fingern war fest, wenn auch etwas schneller als normal, aber nichts im Vergleich zu der Panikattacke vor Whoa Nellie’s.
„Mir geht‘s damit besser als letzte Woche noch“, sagte Jake leise, „Zu wissen, dass ich nicht der einzige bin – naja, das hilft. Ich mein“, er lachte erneut auf, „Ich hab immer noch panische Angst…“
Panisch. Panisch wie Matt es gewesen war, als sein Vater davon erfahren hatte? „Willst du, dass ich mitkomm?“, bot er an.
Jake schüttelte den Kopf zum Nein, bevor er sich hastig zu ihm umdrehte und Kon am Hemd packte. Kon hatte keine Zeit zu reagieren, außer sich nach vorne fallen zu lassen und einen überraschten Laut von sich zu geben, als Jake sich bereits zu ihm hoch beugte.
Der Kuss war kurz und relativ keusch, einzig die Berührung und das kurze Gegeneinandergleiten ihrer Lippen. Nach ein paar Sekunden wippte Jake zurück auf seine Fersen und ließ Kon los. Er wich seinem Blick aus. „Tut mir leid“, flüsterte er und benetzte sich die Lippen mit der Zunge. „Ich wollte nur – es schien mir nicht fair. Mich vor meiner Familie outen zu müssen, ohne dass ich jemals überhaupt einen Typen geküsst hab.“
Etwas in Kons Brust verkrampfte sich. Kurzentschlossen legte er eine Hand auf Jakes Oberkörper und schob, drängte ihn mit weit aufgerissenen Augen und stolpernden Schritten zurück gegen den Pfosten. Jakes Mund stand offen und Kon beugte sich ihm entgegen, um sich mit der Zunge Einlass zu verschaffen. Er legte eine Hand an Jakes Kiefer und neigte seinen Kopf leicht, um den Kuss noch zu vertiefen.
Jake schloss die Augen. Ein kleines Seufzen entrang sich seiner Kehle und blieb zwischen ihren Lippen hängen. Kon saugte an seiner Zunge, dick und heiß zwischen seinen Lippen – leckte sich seinen Gaumen und seine Zähne entlang – biss, gerade fest genug, auf seine Unterlippe. Er zog seine ganze umfassende – und vielgestaltige – Erfahrung heran und gab alles, um ihm den besten Kuss zu geben, den er konnte.
Als er einen Schritt zurücktrat, lehnte Jake sich immer noch schwer gegen den Pfosten, seine Augen geschlossen und sein Mund leicht geöffnet. Er atmete tief und zittrig ein, dann öffnete er die Augen; weit aufgerissen und glasig wie im Fieber.
„Jetzt hast du einen Typen geküsst“, meinte Kon.
Jake starrte ihn nur an.
„Wird schon alles gut gehen. Im schlimmsten Fall… Ma mag dich und wir haben Platz.“ Was so nicht ganz stimmte. Er zweifelte nicht im geringsten daran, dass Martha Jake aufnehmen würde, wenn er es bräuchte, aber im wirklich schlimmsten Fall…
Der wirklich schlimmste Fall würde nicht passieren!
Kon stand auf der Veranda und beobachtete, wie Jake in sein Auto stieg und davon fuhr. Als er hinter einer Gruppe Bäume außer Sichtweite verschwunden war, nahm Kon seine Brille ab, zog sein Hemd aus und ließ beides einfach auf der Veranda liegen.
Natürlich war er vor Jake im Ort, aber das war auch in Ordnung. Jake war nicht die einzige Person in Smallville, auf die er aufpassen musste. Der Unterricht war zu Ende, aber Mel und Katie waren noch draußen auf dem Spielfeld zum Marching-Band-Training. Hamilton war nicht im Kraftraum beim Football-Team, aber Kon fand ihn bei seiner nächsten Runde, wie er auf dem Parkplatz mit Chase redete. Clarence und Delilah gingen ein paar Blocks von der Schule entfernt nebeneinander her. Bei seiner dritten Runde standen sie in einer Auffahrt und zur sechsten Runde hatten sie es sich zusammen mit Charlotte Moore vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Matts Mutter lag im Bett, die Decke über den Kopf gezogen, obwohl es draußen noch hell war.
Daniel war in der Stadtbibliothek. Beth versorgte scheinbar die Hunde in Dr. Fords Tierarztpraxis. Caroline fuhr den Highway 41 deutlich zu schnell hinunter. Kon sauste bei seiner nächsten Runde knapp über sie hinweg und sie wurde daraufhin langsamer.
Er konnte nicht so weit sehen wie Clark. Er konnte nicht so gut hören. Er hatte nicht Tims technische Spielereien oder Barts Geschwindigkeit, aber wenn er nur immer in Bewegung blieb, könnte er den ganzen Ort abdecken. Bei etwa jeder zehnten Runde zog er seine Bahn weiter, flog über die Farm und dann weiter zum Krankenhaus, wo Dalton gleich einem Stein lag und Justine sich unbequem in ihrem grauen Plastikstuhl zusammengerollt hatte.
Als Jake nach Hause kam, wurde geschrien. Dann wurde geredet. Und sich umarmt.
Rachel glaubte, die warmen Hände zu kennen, welche sich fest über ihre Augen gelegt hatten. Sie spürte den sportlichen Körper unmittelbar in ihrem Rücken. „Was soll das? Lass mich los!“ Sie war – wie so oft – nicht bei bester Laune. Und als sie versuchte, sich zu befreien, hielt er sie fest. Stille folgte. Aber keine Antwort war ja bekannterweise auch eine Antwort. Also blieb Rachel wohl nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Vorerst. Und sie tat ihm den Gefallen, sich vorwärts zu bewegen, wie er ihr stumm aber sehr bestimmt mitteilte, indem er sie vor sich herschob. Was war sein Ziel?
Da sie den Tower soeben verlassen und er sie nicht umgedreht hatte, war der es schon mal nicht. Der erfrischende Wind an diesem warmen Sommertag streifte ihr Gesicht, das leise Rauschen von Wellen, die beständig die Küste der Insel berührten, rückte Schritt für Schritt in greifbare Nähe. Gott, wie sie das hasste. „Ok Schluss jetzt“. Ihre Finger umklammerten die Seinen, die immer noch fest auf ihren Augen lagen doch so sehr sie sich auch bemühte, sie hatte keine Chance, wieder freie Sicht zu erlangen. Ein albernes, siegessicheres Lachen drang mit heißem Atem an ihre Ohren, während seine Brust in ihrem Rücken bebte. Und noch etwas anderes spürte sie: Unbehagen. Diese Situation war einfach nichts für sie und ging ihr gewaltig gegen den Strich.
Der Boden unter ihren Füßen veränderte sich Schritt für Schritt. Sie wurde von dem asphaltierten Weg, der zum Eingang des Towers führte, herunter dirigiert in die Vegetation, die sich ringsum ausbreitete. Die Erde fühlte sich weich an, obgleich das von der Sommersonne getrocknete Gras hin und wieder unter ihren Schritten knirschte. Die Sonne brannte erbarmungslos auf die beiden herab und seine inzwischen verschwitzten Finger verrutschten ein wenig. Leider reichte dies nicht aus, um ihr freie Sicht zu gewähren. Lange würde er sie allerdings nicht mehr vor sich herschieben können, denn der Boden veränderte sich abermals, wurde steiniger und verriet Rachel somit, dass das Ufer bald erreicht sein würde. Das Blut in ihren Adern begann zu brodeln und das nicht nur wegen der Sommerhitze.
Verdammt nochmal! Warum tat er das? Rachels Herz pochte aufgeregt gegen ihre Brust. Ihr Atem wurde schneller. Sie schloss die Augen, denn sehen konnte sie trotz aller Bemühungen ohnehin nichts. Und versuchte, sich zu entspannen, sich selbst wieder zu regulieren, was ihr in Anbetracht der Bürde, die sie tragen musste, ohnehin immer sehr schwer fiel. Und genau deswegen hasste sie ihn für diese Aktion. Eigentlich sollte er das auch wissen. Er sollte wissen, dass sie nicht auf derartige Spielchen stand. Und sie musste sich sehr zusammenreißen, am Ende nicht doch noch die Kontrolle über ihre Gefühle und somit auch ihre Fähigkeiten zu verlieren. Aber hey … Wenn sie ihm weh tun würde, war es doch seine eigene Schuld. Oder etwa nicht?
„Stopp“, sagte er und gab sie endlich wieder frei. Rachel starrte auf das in der Sonne glitzernde Wasser vor ihren Füßen. Gar drehte sie etwas nach links und präsentierte mit einem feierlichen „Tadaaaa“ und einer ausladenden Geste das, was er wohl als Überraschung für sie auserkoren hatte. „Dein Ernst?“ Rachel verdrehte beide Augen in Richtung des wolkenfreien Himmels. Dann starrte sie den aufblasbaren, pinkfarbenen Flamingo an, der geduldig auf dem Wasser schaukelte. Gar hatte ihn mit einem Seil an einem Felsen angebunden, damit er nicht davon treiben konnte. Und er strahlte immer noch über das ganze Gesicht. „Ach komm schon Rachel. Bring mal ein bisschen Farbe in Dein Leben“.
„Idiot“. Rachels vernichtender Blick sorgte dafür, dass die gute Laune augenblicklich aus seinem Gesicht verschwand. Mit einem gekonnten Schubser gegen Garfields Brust beförderte sie ihn rücklings auf sein ‚bisschen Farbe‘. Sie würdigte ihn keines Blickes mehr, drehte sich herum und zog den Träger ihres schwarzen Oberteils wieder nach oben, der während der Entführung von ihrer Schulter heruntergerutscht war. Gar starrte auf dem Flamingo liegend, missmutig den Kopf auf eine Hand gestützt, dem wütend davon stampfenden Mädchen seiner Träume hinterher. Was hatte er denn nun schon wieder falsch gemacht?
An diesem Morgen war Kon verdammt müde – er war noch bis ziemlich spät in Gotham geblieben und hatte Tim geholfen, eine Ladung irgendeiner Chemikalie aufzuspüren – und er schon während der gesamten Farmarbeit und dann während er zur Schule flog, ließ er sich so viel Zeit wie nur möglich. Er hatte keine Ahnung, was er zu Jake sagen sollte, wenn er ihn sah, oder wie er sich ihm gegenüber verhalten sollte. Tut mir leid, dass ich nicht bemerkt hab, dass du vielleicht auf mich stehen könntest? Bitte steh nicht mehr auf mich, damit wir wieder Freunde sein können?
Er wünschte sich fast, er hätte in Gotham bleiben können. Alvins Wohnung war zwar ein Drecksloch, aber die Couch war bequem. Tim hätte sicher nichts dagegen gehabt. Er war die ganze Nacht schon guter Laune gewesen und hatte sich nicht einmal besonders über Kons missliche Lage lustig gemacht. Tim schien das hier genau wie jeden anderen Undercover-Einsatz zu behandeln, was so ziemlich das wundervoll Beruhigendste war, das Kon sich hätte erhoffen können. Tims Undercover-Arbeit war eben einfach gut.
Er hatte Kon über Jake und die anderen Kids ausgefragt, bis sie ganz genau geklärt hatten, was er über sie und über Smallville wissen sollte. Alles, was Jake wusste, war ‚Tim aus Gotham‘ und dass sie sich an den Wochenenden sahen. Tim hatte sehr darauf bestanden, dass er es nach Möglichkeit dabei belassen sollte, bis sie sich auf etwas Konkreteres geeinigt hatten, und dass er es möglichst simpel und wahr halten sollte, wenn er nicht darum herum käme, jemandem irgendwas zu erzählen. Kons Cousin war mit Tims Familie befreundet und so hatten sie sich auch kennengelernt. Sie kannten sich seit fünf Jahren. Tim war bereits mit der Schule fertig und etwas älter – 13 Jahre älter, wenn man es ganz genau nahm. Oder 15, wenn man die Zeit, die Kon tot gewesen war, mitzählte, aber dieser Teil war egal.
Es hätte auf jeden Fall schlimmer sein können. Kon war sich ziemlich sicher, er hätte Tim die Hölle heißgemacht, wenn es anders herum gewesen wäre. Andererseits hätte Tim sich nie in Kons Lage gebracht, außer als Teil eines einzigen großen, raffinierten Plans. Tim war der Meister raffinierter Pläne.
Das einzige Sticheln von Tims Seite war über Kons Bobachtungsgabe gewesen, was Kons Meinung nach wahrscheinlich nur fair war. Er hatte allerdings Kon mit Dick verglichen, was absolut nicht fair war. Jake hatte sich ihm immerhin nicht an den Hals werfen müssen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen…
Er sah Jakes Truck nicht auf dem Schulparkplatz, aber das musste nichts heißen, oder? Vielleicht hatte ihn jemand mitgenommen oder so. Vielleicht ging er Kon nicht aus dem Weg. Vielleicht…
Kon hielt auf den Stufen zum Haupteingang inne. Etwas stimmte nicht. Er wusste nicht so recht, warum er das wusste, aber – nein, er müsste nur anhalten und sich darauf konzentrieren – darauf, was ihm seine Sinne mitteilten.
Niemand war hier draußen, auf den Stufen zum Haupteingang. Normalerweise waren die Stufen zu dieser morgendlichen Zeit voll mit Schülern, die herumliefen oder auf ihre Freunde warteten. Heute war niemand hier und Kon konnte lediglich ein paar Leute in der Eingangshalle beim Sekretariat hören. Der größte Teil des Schulgebäudes war leer, aber in der Turnhalle hatte sich eine unruhige Menge versammelt. Alle waren auf den Tribünen und ein gedämpftes Murmeln war zu hören. Sie hatten Angst, stellte er fest, als er den Klang ihrer Stimmen und ihre erhöhten Herzschläge erkannte. Er konnte in der allgemeinen Unruhe keine Einzelstimmen ausmachen, aber die nervöse Anspannung, die über allen lag, stellte ihm regelrecht die Nackenhaare auf. Er schob die Tür auf.
Zwei Lehrerinnen standen auf dem Gang und gaben Schülern Anweisungen – Kon hatte eine von ihnen vor einer Weile mal im Computerkurs gehabt. Und – Himmel, ging es ihm durch den Kopf, als der Mann sich umdrehte – ein Polizist. Ein Polizist in Uniform, mit Waffe und allem. Kon hoffte wirklich sehr, dass er hier war, um ihnen von oben herab etwas über Drogen zu erzählen.
„Conner“, sprach Miss Spencer ihn an, als sie ihn sah, „Es gibt heute Morgen eine Versammlung in der Turnhalle.“
„Was ist denn passiert?“, fragte Kon und sein Herz schlug ihm mit einem Mal bis zum Hals.
Miss Spencer sah zu den Türen, wo gerade eine Gruppe Schüler herein kam. „Bitte geht einfach in die Turnhalle!“, wies sie angespannt an.
Shit! Kon schluckte schwer und setzte sich wieder in Bewegung, allerdings nur so lange in normal menschlichem Tempo, bis er außer Sichtweite war. Er beeilte sich, zur Seitentür zu kommen und wurde im überdachten Durchgang, wo ein paar Schüler vor der Turnhalle um ein paar Lehrer herum standen, wieder langsamer. Innerhalb der offenen Doppeltür stand eine weitere Polizistin, eine zierliche blonde Frau mit einem Funkgerät in der Hand.
Niemand antwortete auf die Fragen der anderen Schüler und so ging Kon direkt nach drinnen. Er erkannte Delilah an ihrer Frisur und Clarence an seiner Größe, und lief hastig durch die offene Halle, um zu ihnen die Tribünen hinauf zu kommen. Der größte Teil des Clubs war ebenfalls da und hatte sich verteilt, um Plätze freizuhalten. Mel stand am Ende der Sitzreihe und schien durchzuzählen.
„Wer fehlt denn noch?“, fragte er, als er bei ihnen ankam.
„Conner!“, rief Delilah und drängte sich an Mels Freundin vorbei, um ihn fest zu umarmen. „Gottsei-fucking-dank! Niemand wusste, wo du steckst—“
„Ich bin grad erst angekommen“, meinte er. Er umarmte sie ebenfalls und drückte sie sanft zurück in Richtung ihres Sitzplatzes, bevor er sich wieder Mel zuwandte.
„Ich wünschte, wir hätten ein vernünftiges Mitgliederverzeichnis“, seufzte sie frustriert, „Ich kann‘s nicht sicher sagen. Aber ich hab weder Daniel gesehen, noch Caroline noch Beth noch Hamilton—“
„Noch Jake“, fügte Kon hinzu, wobei er ein dumpfes Gewicht in seinem Magen spürte. Sie nickte. Fucking Fuck – Kon drehte sich um seine eigene Achse und suchte die Tribünen ab.
Cross kam in die Turnhalle, seine Hände erhoben, und alle wurden ein wenig leiser. Es half Kon sich zu konzentrieren und kurz darauf fand er Hamilton auch beim Football-Team und Beth und Caroline zusammen nahe der Tür.
„Liebe Schüler“, fing Cross an, seine gestresste Stimme von einem Mikrofon verstärkt, das an seiner Krawatte befestigt war, „Bitte setzen Sie sich, ich—“ Es gab eine quietschende Rückkopplung und Kon kauerte sich zusammen, seine Hände über den Ohren. Mel bedachte ihn mit einem seltsamen Blick, aber legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich bitte Sie, sich zu setzen und leise zu sein.“
Die Lehrer von draußen kamen herein und schlossen schließlich die Türen hinter der letzten Gruppe Schüler, in der auch – Kon ließ sich auf seinen Sitz fallen. Jake. Jake war okay. Er schlüpfte in letzter Sekunde noch herein, zusammen mit ihrem letzten fehlenden Clubmitglied, und ging mit den Mädchen direkt die Tribüne an der Tür hinauf. „Wir sind okay“, sagte Kon, „Alle sind hier.“
„Oh gottseidank!“, flüsterte Mel und bekreuzigte sich.
„Bitte!“, wiederholte Cross. Kon hatte seine Stimme noch nie so gehört. So knapp und rau und angespannt genug, um alle seine Superhelden-Instinkte zu aktivieren. Und er war ganz bestimmt nicht der Einzige gewesen, dem das auffiel, denn die ganze Turnhalle verstummte endlich. „Vielen Dank! Ich fürchte, ich habe bedauerliche Nachrichten. Es gab einen weiteren—“ Seine Stimme überschlug sich und er brach ab, um sich kurz zu räuspern. „Ein Mitglied unserer Schule wurde letzte Nacht Ziel eines brutalen Angriffs und—“
Neben Kon schlug Katie die Hand vor den Mund. Das Murmeln erhob sich erneut, aber Cross redete trotzdem weiter. Kon suchte noch einmal die gesamte Menge ab; hatten sie jemanden vergessen?
„Das Opfer war einer unserer Mitarbeiter“, klärte Cross auf und Kon gefror das Blut in den Adern. Oh Gott! Sie hatten die Schüler gezählt, aber— „Alex Dalton wurde letzte Nacht in seiner Wohnung überfallen.“ Cross wurde vom Aufschrei mehrerer hunderter Schüler übertönt. Fast alle an der Smallville High hatten früher oder später Biologie. Das Fach war Teil der Qualifikation fürs College genauso wie des Agrar-Lehrplans. Und – naja, Daltons Kurs war nicht leicht, aber er war sympathisch. Die meisten Schüler mochten ihn sehr. Er war jung und etwas nerdig und absolut fucking ernsthaft in allem.
Cross rief zur Ruhe auf. Als Kon zurück ins Hier und Jetzt fand, spürte er das Stechen von Holzsplittern unter seinen Nägeln. Er hatte sich so fest in die Stufe verkrallt, dass er das dünn lackierte Holz eingedrückt hatte. Kon interessierte es nicht einmal wirklich – sein Magen verkrampfte sich und er konnte kaum etwas sehen. Dalton.
„Bitte!“, rief Cross über den Lärm, „Ruhe allerseits! Er hat den Angriff überlebt, aber—“
Alle Versammelten verstummten augenblicklich, als hätte jemand sie stummgeschalten.
„—aber er steht auf Messers Schneide. Er liegt auf der Intensivstation und ist bis jetzt noch nicht aufgewacht – ich weiß leider nicht alle Details, aber es ist sehr ernst. Wir haben erst sehr spät letzte Nacht davon erfahren und ich habe noch keine Vertretung auftreiben können, wenn Sie also—“
Cross redete weiter, aber Kon hörte ihn nicht mehr. Er schüttelte Mel und Katies Hände ab und ließ sich an der Seite der Tribüne hinab, blieb eng an die Wand gedrückt und rannte zur Tür. Eine Polizistin und ein Lehrer kamen auf ihn zu, aber er wich ihnen aus und lief weiter, bis er bei der Tür ankam, halb blind vor Tränen und heißer Wut, krank vor Selbsthass.
Etwas packte ihn am Arm und Kon wirbelte angriffslustig herum – Jake. Kon erstarrte, eine Hand erhoben.
„Hey“, sprach Jake ihn leise an. Eine Lehrerin hatte Jakes anderen Arm gepackt und versuchte ihn zurück auf die Tribüne zu drängen, aber Jake ignorierte sie. „Komm, setz dich zu—“
Kon riss sich los, mit genug Kraft, um Jake gegen die Wand zu schleudern. Das plötzliche Aufblitzen von Angst im Gesicht des anderen Jungen ließ den Knoten in Kons Brust sich nur noch fester ziehen. „Es ist meine Schuld“, zischte Kon.
„Nein!“, gab Jake zurück. Die Lehrerin half ihm auf und einer der Polizisten legte Kon eine Hand auf die Schulter, gerade als Jake warnend meinte: „Deine Augen!“
Seine – Shit! Shit! Kon kniff fest die Augen zusammen und drängte sich durch die Türen, hinaus in den Frühlingstag, die Luft kühl nach der Hitze in der vollen Turnhalle. Ein einziger Polizist stand im Durchgang und natürlich war Kon schneller. Er lief um das Gebäude herum, außer Sichtweite, und erhob sich so schnell in die Luft, dass er sie wie eine Welle um ihn herum brechen spürte.
Auf Messers Schneide, hatte er gesagt. Intensivstation. Noch nicht aufgewacht. Kon wurde übel.
Es war alles seine Schuld.
*
In Smallville gab es kein Krankenhaus – jedenfalls kein richtiges. Kon verlor keine Zeit und sah nicht einmal in der ambulanten Praxis am westlichen Ortsrand nach; er flog direkt zum Lowell County General Krankenhaus und landete hart genug im Park auf der Straßenseite gegenüber, um einen kleinen Krater zu hinterlassen. Hastig überquerte er die Straße und den Parkplatz, lief direkt zum Haupteingang, bevor er sich erinnerte, dass er immer noch Brille und ein Karohemd trug. Shit! Er glaubte nicht, dass ihn jemand hatte landen sehen, er sollte also okay sein – außer, dass alle im Atrium ihn anstarrten. Am Empfang stand bereits eine Schlange, weshalb Kon stattdessen lieber zu der großen Wandkarte ging.
Eine Frau in blauer Krankenhaus-Kleidung kam hinter dem Schalter hervor und besorgt zu ihm hinüber. Kon war viel zu beschäftigt damit, aus der Legende schlau zu werden, um sie wirklich zu bemerken, bis sie ihm eine Hand auf den Arm legte. „Ist alles in Ordnung mit dir, Junge?“, fragte sie, „Bist du verletzt?“
Er drehte sich zu ihr. „Wo ist die Intensivstation?“
„Fünfter Stock“, antwortete sie. Als er sich in Richtung der Aufzüge in Bewegung setzen wollte, verstärkte sich ihr Griff. „Du kannst aber nicht einfach—“
Außer dass er offensichtlich doch konnte, denn er hatte sie bereits abgeschüttelt und war durch die Tür zu den Treppen, bevor sie überhaupt mit ihren Satz fertig war. Er hörte keine Schritte, weshalb er einfach zwischen den Treppen gerade nach oben flog, bis zum fünften Stock, wo er durch die Tür in eine weitere Empfangshalle kam.
Hier gab es auch einen Empfangstresen und noch mehr Frauen in blauer Krankenhaus-Kleidung. Kon hielt auf sie zu und beugte sich über den Empfang. „Ich muss einen Patienten finden“, gab er eilig an, „Alex Dalton. Er wurde letzte Nacht eingeliefert.“
„Gehören Sie zur Familie?“, fragte eine der Frauen. Die andere wandte sich ihrem Computer zu und gab etwas ein.
„Nein“, gab Kon ohne nachzudenken zurück und wollte sich im nächsten Moment dafür selbst treten. „Er ist mein Lehrer“, versuchte er zu erklären, „mein – mein Freund. Bitte, ich muss wirklich—“
„Oh“, machte die zweite Frau leise. Sie drehte sich zu ihm um: „Der Lehrer. Es tut mir leid, Junge, sein Zimmer ist abgeriegelt.“
„Was?“
„Er steht unter Bewachung“, erklärte sie, „Kansas-State-Polizei.”
„Aber—“ Kon verstummte. Was würde die Polizei schon tun können? Sie mussten einen Meta aufhalten!
„Wir können dich leider nicht zu ihm lassen ohne Zustimmung durch Angehörige“, erklärte die erste Krankenschwester. Sie warf ihrer Kollegin einen Blick zu. „Eigentlich dürften wir nicht mal bestätigen, dass er hier ist.“
„Um Himmelswillen, Marianne, sieh ihn dir an!“, gab die andere Krankenschwester gereizt zurück. Sie umrundete den Empfang. „Hier, Junge, komm mal mit. Du solltest dich besser hinsetzen, bevor du uns noch umfällst.“ Sie legte eine braune Hand in seinen Rücken und führte ihn zu einer Glastür in der Nähe der Aufzüge.
„Sie verstehen nicht“, widersprach Kon, ließ sich aber in einen kleinen Raum voller Getränkeautomaten und billiger, unbequem aussehender Stühle führen. Sie drückte ihn in einen Stuhl, der die Farbe einer fauligen Avocado hatte, und Kon setzte sich. Der Stuhl ächzte unter seinem Gewicht, hielt aber. Kon hielt sich an seinen Knien fest, so dass er nichts kaputtmachen würde.
Die Schwester tätschelte seine Schulter und holte ihm einen Pappbecher Wasser und – oh. Eine Packung Taschentücher. Kon nahm verlegen ein paar davon an sich und wischte sich damit über das Gesicht. Dann schnäuzte er sich so leise er konnte.
„Oh, Schätzchen“, machte die Schwester, „Bist du allein hier? Wo sind denn deine Eltern?“
„Meine—“ Kon spürte die Worte in seinem Kopf umher rattern, konnte sie aber nichts zuordnen. „Was?“ Himmel, war seine Stimme rau! Er klang überhaupt nicht wie er selbst.
„Deine Eltern“, wiederholte sie offen besorgt. „Du bist doch nicht so hierher gefahren, oder?“
Kon schluckte. Fuck, man konnte ihm doch jetzt nicht zumuten, eine glaubhaft klingende Geschichte zu erfinden! Das einzige, was ihm einfiel, war Tims Ratschlag für den Umgang mit seinen Freunden – es simpel zu halten. Und wahr. „Ich hab keine Eltern“, gab er zurück, „Ich bin allein hier. Als ich gehört hab, was mit Mister Dalton passiert ist, bin ich so schnell ich konnte hierher gekommen. Alles ist irgendwie recht verschwommen.“ Dieser letzte Satz war eine absolute Untertreibung. Kon war sich einigermaßen sicher, dass er nicht durch ein Flugzeug oder sowas hindurch geflogen war auf dem Weg hierher, aber…
„Er muss ein verdammt toller Lehrer sein“, meinte die Schwester leise.
„Der beste“, antwortete Kon, bevor er nur noch sein Gesicht in das durchnässte Bündel Taschentücher drücken und versuchen konnte, möglichst wenige Geräusche zu machen.
Die Tür öffnete und schloss sich hinter ihm, aber Kon machte sich nicht einmal die Mühe aufzusehen. Gott, es war alles seine Schuld. Wenn er Dalton nicht um Hilfe gebeten hätte, wenn er wachsamer gewesen wäre, wenn er überhaupt in fucking Kansas gewesen wäre, als es passiert war—
In seiner Wohnung, hatte Cross gesagt. Wer auch immer es gewesen war, hatte ihn in seiner verdammten Wohnung angegriffen. Das war nicht – Fuck, Kon wusste nicht einmal, wo er wohnte. Hätte er es von der Farm aus gehört? Was, wenn er im Ort gewesen wäre? Mit einem Mal verstand er Tims bescheuerte, gruselige Kameras – den Drang, auf alle aufzupassen, jederzeit, einfach nur um sicher zu sein, dass wenn etwas passierte—
Irgendwas passierte immer. Irgendein Soziopath wartete immer nur darauf, eine Lücke auszunutzen, um jemanden mit Stromschlägen zu töten oder jemandem einen Herzinfarkt zu verpassen oder jemanden zu Boden zu prügeln oder jemandem die Kräfte zu stehlen und dann sechs zu eins zu überfallen oder einen verfickten Krieg anzuzetteln.
„Aber hey“, machte die Schwester aufmunternd und tätschelte sein Knie, „Wie heißt du denn, Junge? Gibt es jemanden, den ich für dich anrufen kann?“
Kon schluckte schwer und schaffte es, sein Gesicht wieder unter Kontrolle zu bringen. „Conner“, antwortete er mit belegter Stimme.
Er konnte Kaffee riechen.
Kon ließ seine Hände sinken. Vor ihm stand eine Frau mit einem Pappbecher – keine weitere Krankenschwester, zumindest glaubte er das nicht. Sie war schmal und blass, trug Bluse und Rock und Strumpfhosen, ihre braunen Haare wirkten schlaff und ihr Gesicht verhärmt. „Du bist Conner?“, fragte sie und ging in die Hocke, mit ihm auf Augenhöhe, „Conner Kent?“
Mit einem Mal erinnerte er sich an sie, von der Beerdigung, als sie neben Dalton gesessen hatte und sich mit ihm abgewechselt hatte, ein kleines Mädchen auf dem Schoß zu halten. „Das hier ist meine Schuld“, flüsterte er, denn er traute seiner Stimme nicht.
„Ist es ganz bestimmt nicht“, gab sie freundlich zurück, „Lucille, können wir ihn auf die Liste setzen?“
Der Kurs war ein wenig lauter als sonst, da einige Schüler untereinander redeten, während andere versuchten, die Aufmerksamkeit des Lehrers und der Klasse zu erhalten. Kon lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte seinen Bleistift beiseite, froh um die Pause vom ständigen Mitschreiben. Sie sprachen heute über Ebola und die ganze Zeit, während er Listen von Symptomen und Vorsichtsnahmen aufschrieb, war alles, woran er hatte denken können: Tim hatte das gehabt! Sie hatten sogar Aufzeichnungen über den Ebola-Ausbruch in Gotham vor ein paar Jahren gelesen, und darüber, wie die Epidemie schließlich auch eingedämmt worden war, und über das bahnbrechende Heilmittel von Wayne Pharmaceuticals. Er könnte von Tim wahrscheinlich sogar mal die ganze Geschichte bekommen. Aber selbst wenn er normalerweise keinerlei Hemmungen hatte, andere um Hilfe bei seinen Hausaufgaben zu bitten – schließlich wusste Bart alles und Cassie war der einzige Grund, warum er in Geschichte nicht durchgefallen war – war er doch eher misstrauisch, dass er einfach bei Tim auftauchen und ihn ausfragen könnte über damals, als seine Organe sich beinahe verflüssigt hatten.
Kon stützte den Kopf auf seine Hand und besah sich seine Mitschriften. Er war sich nicht so ganz sicher, warum das so ein Problem war. Auf seinem Blatt stand: ‚HIV, Ebola übergesprungen von Wildfleisch. Notiz an mich – keine Affen essen!‘ Vielleicht war er nicht der beste Schüler der Welt, aber die Sache erschien ihm ziemlich klar… Auch wenn Baumhauer und ein paar der Anderen widersprochen hatten, als Dalton davon geredet hatte, warum es so gefährlich war, etwas zu essen, mit dem man nah verwandt war.
Mister Dalton stand vor der Klasse, die Hände in den Hüften, und sah frustriert zur Decke. Er war für eine ganze Minute still und starrte einfach nur in die Ferne, seine Lippen leicht zuckend. Dann sah er sich im Klassenzimmer um und klatschte ein paarmal in die Hände. Als das nicht funktionierte, erhob er seine Stimme über den Geräuschpegel: „Okay! Okay, alle zusammen, Ruhe! Lasst mich das nochmal versuchen.“ Die Geräuschkulisse verstummte und Dalton seufzte tief, bevor er erneut in seiner normalen Lautstärke ansetzte: „Ein deutscher Schäferhund sieht einem Wolf ähnlicher als ein Chihuahua, richtig? Er sieht ihrem letzten gemeinsamen Vorfahren ähnlicher. Aber weil er der Vorfahre aller Hunde ist, sind Chihuahuas und Schäferhunde auf dieselbe Art mit dem Wolf verwandt, genauso wie du und deine Schwester auf dieselbe Art mit eurer Mutter verwandt seid, selbst wenn einer von euch ihr gar nicht ähnlich sieht.“
Weiteres allgemeines Meckern ertönte. Kon bemühte sich nicht einmal, die Worte zu verstehen. Ein Mädchen hob ihre Hand und wartete, bis sie aufgerufen wurde, bevor sie meinte: „Aber ein Schäferhund ist trotzdem immer noch mehr wie ein Wolf als wie ein Chihuahua. Er ist größer und er kann jagen und hat so ziemlich dieselbe Statur?“
„Oberflächlich betrachtet“, stimmte Dalton zu. „Aber es gibt wichtige grundlegende Unterschiede. Wölfe bellen nicht – diese Eigenschaft ist erst in Hunden aufgetreten und nicht vorher. Außerdem vertragen Hunde eine deutlich vielseitigere Kost. Und es liegt bei ihnen eine extreme Neotenie vor – das heißt, sie ähneln eher Wolfswelpen als erwachsenen Wölfen. Deshalb lecken sie einem Gesicht und Hände – das ist unterwürfiges Welpen-Verhalten. Sie wollen, dass man ihnen etwas Karibu regurgitiert.“
Das Mädchen verzog das Gesicht und ein paar Leute lachten. Kon musste an Krypto denken und daran, was für verrückte Wolfsbestien-Vorfahren er haben musste. Es war wirklich ziemlich sonderbar, dass er Erdenhunden so ähnlich war, zumindest die meiste Zeit. Jedenfalls konnte Krypto sich sein eigenes Karibu fangen, wenn er wollte – und hin und wieder machte er das sogar. Kon hatte vor einer Weile mal ein halb zerkautes Elchgeweih im Garten ausgegraben und Martha fand ständig irgendwelche fremdartigen Federn und ähnliches unter den Verandastufen.
„Und der Stammbaum der Hominiden funktioniert genauso“, fuhr Dalton fort, als das Lachen verstummte. „Alle afrikanischen Menschenaffen-Arten sind näher miteinander verwandt als mit asiatischen Menschenaffenarten wie Orang-Utans oder Gibbons. Und die Gattung Pan ist näher mit der Gattung Homo verwandt als mit Gorilla.“
Die Geräusche aus der Klasse waren diesmal eine skurrile Mischung aus Feindseligkeit, Belustigung und Zweifeln. Kon erwischte sich selbst dabei, wie er skeptisch drein blickte und bemühte sich hastig, unterstützender auszusehen. Er schuldete Dalton wirklich sowas wie einen Gefallen.
„Natürlich sind Schimpansen und Bonobos enger miteinander verwandt als mit uns. Aber beide Spezies zeigen körperliche, genetische und kulturelle Merkmale, die sie viel mehr Menschen als Gorillas ähneln lassen.“
„Wir sind keine Affen!“, beharrte Baumhauer relativ laut. Bis jetzt hatte er hauptsächlich vor sich hin gebrummelt und Kon hatte schon längst gelernt, ihn einfach auszublenden.
„Korrekt!“, erwiderte Dalton fröhlich, „Cercopithecidae und Platyrrhini haben sich von Hominidae abgespalten, lange bevor Hominidae sich aufgespalten haben.“
Oh, jetzt forderte er es geradezu heraus. Dalton hatte Ernst gemacht, als er gesagt hatte, dass er darauf aus war, gefeuert zu werden. Es war es aber auch irgendwie wert, zu sehen, wie Baumhauers Gesicht sich unter den Pickeln purpur färbte.
„Ich hab gemeint, dass wir keine Tiere sind.“
„Bist du eukaryotisch?“
Baumhauer stockte. „Was?“
„Haben deine Zellen Zellkerne? Meine tun das. Ich hab sie sogar selbst gesehen. Wenn wir deine unter ein Mikroskop legen, nehme ich an, dass wir deine ebenfalls sehen.“
Baumhauer saß einfach nur da und funkelte Dalton böse an.
„Wenn ich dich ansehe, kann ich sagen, dass du mehrzellig bist. Isst du? Ja? Ich glaube, ich hab sogar schon gesehen, wie du in meinem Unterricht gegessen hast, entgegen der Laborregeln. Und ich bin mir relativ sicher, wenn ich dich unter einem Mikroskop ansehen würde, würde ich weder Zellwände noch Hyphen finden. Du bist auf jeden Fall freibeweglich“, sagte er, als Baumhauer langsam von seinem Stuhl aufstand. „Ich stelle besser keine persönlichen Fragen über deine embryonale Entwicklung, aber ich denke, wir können auch aus den bisher verfügbaren Daten zu einem recht sicheren Ergebnis kommen. Es tut mir leid, dir das so sagen zu müssen, Thomas, aber du bist in der Tat ein Tier. So wie ich auch. So wie alle hier im Raum. Bitte setz dich wieder hin.“
„Wir sind keine Tiere! Wir haben Vernunft und Nächstenliebe—“
„Genauso wie die meisten sozialen Säugetiere. Selbst Ratten zeigen Altruismus gegenüber ihrer eigenen Gruppe.“
„Wir sind näher an Gott!“, rief Baumhauer plötzlich. „Er hat uns nach seinem Ebenbild erschaffen und er hat uns erschaffen, um über die uns untergeordneten Geschöpfe zu herrschen!“
Dalton sah ihn einen langen Moment nur still an. Kon konnte Baumhauer schwer atmen hören; inzwischen war sein Gesicht feuerrot. Schließlich schluckte Dalton und meinte sehr ernst, all die Leichtigkeit aus seiner Stimme verschwunden: „Wir werden in diesem Klassenzimmer keine theologischen Diskussionen führen. Bitte setz dich hin, Thomas. Hat noch jemand Fragen?“
Baumhauer gab einen erstickten Laut von sich und schnappte sich die Bücher von seinem Pult. Als Dalton ihn nicht daran hinderte, stürmte er mit gesenktem Kopf aus dem Klassenzimmer.
Niemand sagte etwas. Kon wandte sich sehr bewusst wieder seinem Notizblock zu.
„Na dann“, gab Dalton scheinbar unbesorgt von sich, „wir sind für einen Tag weit genug vom Thema abgeschweift. Wollen wir zurück zu aufstrebenden Krankheiten gehen?“
*
Kon und Jake zeichneten sich im Kunstunterricht gegenseitig. Kons Zeichnung war fürchterlich wie erwartet und schließlich ließ Jake ihn den größten Teil der Stunde Ovale und Kreise quer über sein Blatt zeichnen. Allerdings ließ Jake Kon seine eigene Zeichnung nicht sehen, was Kon nicht wirklich fair fand, vor allem, weil sie wahrscheinlich echt gut war.
Der Tag verging ziemlich wie immer, außer, dass mehrere Leute seinen Namen riefen, als Kon mittags in die Cafeteria kam.
„Hey!“, rief Clarence und winkte ihm von einem Tisch aus zu, wo er zusammen mit Mel und Delilah saß, „Cowboy!“
Kon schüttelte amüsiert den Kopf, als er sich ein Tablett schnappte und anstellte. Es war Pizza-Tag, also bezirzte und bettelte er so lange, bis er zwei Stücke bekam, bevor er sich zu den Anderen setzte. „Hey“, begrüßte er sie, als er an den Tisch kam. An jemandes Tisch eingeladen zu werden, war ziemlich neu für ihn und er war sich nicht sicher, wie da die Etikette war. Normalerweise aß er möglichst schnell und ging dann, schließlich gab es nicht wirklich viele Leute, die unbedingt mit ihm reden wollten. Er würde draußen ziellos herumlaufen und mit seinen Freunden hin und her schreiben, wenn sie nicht gerade zu beschäftigt waren. Und manchmal, wenn er eine lange Textnachricht tippen wollte, wurde Bart ungeduldig und kam persönlich vorbei.
Clarence schob mit dem Fuß einen Stuhl für ihn heraus und rückte Mels Tablett etwas zur Seite, um Platz für ihn zu machen. „Was läuft, Cowboy?“
„Warum nennst du mich eigentlich so?“, fragte er, während er seine Pizza vorsichtig in der Mitte zusammenklappte und abbiss.
„Du lebst auf einer Farm, richtig? Mit Kühen und so?“
Kon kaute und schluckte, bevor er antwortete: „Woher zur Hölle weißt du das überhaupt?“
Delilah lachte leise. Ihre ganze Erscheinung wirkte gedämpft. „Dorfgemeinde eben. Jeder weiß alles über jeden.“
„Äh“, machte Kon zwischen zwei Bissen. „Ich bin glaub ich echt nicht gut mit dem Dorftratsch. Ich kenn niemanden.“ Er beobachtete verwirrt, wie Clarence sich nach vorne beugte und die Tomaten von Delilahs Salat klaute.
„Naja“, gestikulierte Mel mit ihrer Gabel, „ich schätze, du bist ja auch grad erst wieder zurück hierher gezogen. Und – ich will jetzt nicht unhöflich sein, aber ich seh dich auch praktisch nie mit jemandem reden.“
Kon setzte an, um zu entgegen, dass niemand ihn mochte, bis er feststellte, dass er gerade an einem Tisch saß mit mehreren Leuten, die ihn durchaus zu mögen schienen. „Ich nehm an, ich bin eben schüchtern“, gab er also stattdessen zurück.
„Mit Cross warst du nicht schüchtern“, erwiderte Delilah leicht bewundernd.
„Das ist was anderes! Ich mein—“, er brach ab, um einen Schluck von seiner Milch zu nehmen. Er hatte sich drei Päckchen Schokoladenmilch geschnappt, als die Köchin nicht hingesehen hatte; Supergeschwindigkeit musste schließlich zu irgendetwas gut sein. „Er war ein Arsch. Ist ja nicht so, dass ich mich besonders gern vor Leuten zum Affen mach.“
„Er ist der Rektor“, gab Mel vorsichtig zurück, „Er kann dir das Leben ziemlich schwer machen.“
Kon verschluckte sich an einem Lachen. Zum Glück schienen alle am Tisch zu denken, dass er sich an der Pizza verschluckt hatte. Es wäre schon ein kalter Tag in der Hölle, bevor Superboy sich vom Rektor einer High School einschüchtern ließe.
Außer er hätte Kryptonit-Laser oder so.
*
Kon war angenehm überrascht, dass es in der Schule keine weiteren Zwischenfälle gab. Das mit den Vollidioten, die versucht hatten Chase aufzulauern und wie sie den Hintern versohlt bekommen hatten, hatte sich wohl herumgesprochen. Kon war sich absolut sicher, dass keiner der beiden ein Meta war, wenn er überlegte, wie sie sich fast in die Hosen gemacht hatten, als er sie gepackt hatte, und wie erfolglos sie sich gewehrt hatten. Er hatte sie lange genug über dem Boden baumeln lassen, dass er zusehen konnte, wie sie Angst bekamen. Dass er ihren Herzschlag so lange hörte, bis er sich sicher war, dass sie wirklich Angst hatten und nicht nur schauspielerten, um ihre eigene Stärke und Zähigkeit zu verstecken. Dann hatte er sie vorsichtig wieder abgesetzt und Chase gebeten, Dalton zu holen, der zusammen mit dem Chemielehrer, dessen Klassenzimmer nebenan war, angelaufen gekommen war. Sie hatten die beiden Jungen ins Sekretariat gebracht und Cross hatte Chase und seine beiden Angreifer dazu verhört, was passiert war. Kon war nicht gebeten worden mitzukommen, aber er hatte auf dem Gang gewartet und zugehört. Niemand hatte erwähnt, dass die Füße der beiden in der Luft gebaumelt hatten. Was gut war. Es war doch ein wenig riskant gewesen.
Er hing trotzdem noch in der Bibliothek herum. Das Football-Team trainierte zwar nicht, aber die Theatergruppe probte und ein paar der Kids aus dem Club waren dabei. Sie waren wahrscheinlich in Sicherheit, immerhin waren sie zu dritt, aber Kon blieb trotzdem in der Nähe. Er war froh, dass er noch hier war, als er sein Gehör über die gesamte Schule ausstreckte und merkte, dass noch jemand im Kunstraum war. Nachdem er sich kurz noch weiter darauf konzentrierte, ahnte er auch, wer.
Als er mit seinen Hausaufgaben für Mathe und Englisch fertig war und immer noch Pinselstrich-Geräusche hören konnte, packte er seine Sachen zusammen und ging den Gang hinunter. Die Tür stand einen Spalt offen, weshalb er kurz klopfte, bevor er sie auf schob.
Jake stand an einer Staffelei weiter hinten im Raum, wo sie normalerweise auch saßen, halb verdeckt von einer mindestens einen Meter großen Leinwand. Er hatte Farbe auf seiner Kleidung – vornehmlich rot und blau. Und gelb entlang der gesamten Außenseite seines Arms. Er erschrak, als Kon hereinkam und schob sich die Haare aus den Augen, wobei er blaue Farbe in die vorderen Strähnen bekam. „Hey!“, begrüßte er ihn strahlend, wenn auch gehetzt und ein wenig nervös. Als Kon zu ihm hinüber gehen wollte, kam er ihm hastig entgegen und wischte sich die Finger an einem Lappen ab. „Was machst du denn noch hier?“
„Ich war in der Bibliothek“, antwortete Kon, was ja der Wahrheit entsprach, „Trigonometrie gibt mir echt noch den Rest.“
„Oh. Echt? Ich bin… Ich mein, ich bin kein Mathegenie, aber ich bin nicht schlecht drin? Vielleicht kann ich dir da weiterhelfen?“
Kon lächelte breit: „Oh, hey, das wär klasse“, gab er begeistert zurück, „Ich hab echt keine Ahnung, wie du das machst – du bist echt der meistbeschäftigte Typ, den ich kenne.“ Der keine Strumpfhosen trug, fügte er in Gedanken noch hinzu.
„Naja“, fing Jake an, als er sich die Hände waschen ging, „du könntest im Laden oder im Diner vorbei kommen und ich könnte multitasken.“ Er drehte sich um und lehnte sich an den Tisch. „Außer du denkst, dass du meine ungeteilte Aufmerksamkeit brauchst.“
„Ha, vielleicht?“, gab Kon lachend zurück. Seine Hand ging in seinen Nacken. „Ich bin wirklich ziemlich mies.“ Jake lächelte nur, während er anfing, Farben wegzuräumen und Pinsel auszuwaschen, weshalb Kon zu der Leinwand hinüber ging, an der er gearbeitet hatte.
„Warte!“, sagte Jake und machte einen Satz nach vorn, um ihn am Arm zurückzuhalten, „Nein, nicht!“ Als Kon ihn verwirrt ansah, verzog er das Gesicht und sah zu Boden. „Ich bin noch nicht fertig.“
„Okay“, erwiderte Kon und trat einen Schritt zurück. Er glaubte nicht, dass es Jake vorher je etwas ausgemacht hatte. Er war sogar ein wenig enttäuscht – er sah ihm gerne beim Malen zu.
Jake ging an ihm vorbei, um die Leinwand zu nehmen, wobei er darauf achtete, dass sie immer zur Wand zeigte. „Nicht gucken, okay? Lass mich hier grad fertig Ordnung machen und—“ Er verstaute die Leinwand in einem der Materialschränke. „Soll ich dich mitnehmen?“
Kon dachte ein paar Sekunden darüber nach. Die Theatergruppe wäre auch bald fertig und es klang so, als wollten die drei Kids, die er kannte, noch zusammen Eis essen gehen. Es war nicht so, dass ihn jemand nach Hause fahren musste, aber es war nett von Jake, es anzubieten und Kon verbrachte gern Zeit mit ihm. Er hatte auch alle schweren Farmarbeiten schon erledigt, es hielt sie also nichts davon ab, eine Weile gemeinsam abzuhängen. „Klar“, gab er zurück.
Jakes breites Lächeln erschien plötzlich. Er verstaute seine Sachen in einem Leinensack, den er sich über die Schulter hängte. „Können wir?“
Die Fahrt zur Farm verging entspannt. Jake fragte ihn ein wenig in Trigonometrie aus, bis Kon sich lachend entschuldigte, sich in den Sitz zurücksinken ließ und sein Gesicht vergrub. Sie redeten ein wenig über die Farm und darüber, wie es im Laden wieder ruhiger wurde, jetzt, wo die Frühlingsaussaat so gut wie durch war. Als sie noch etwa fünf Meilen vom Haus entfernt waren, sah Kon zum Fenster hinaus und entdeckte weit hinten Krypto, der Kühe jagte, aber Jake schien nichts zu bemerken, vielleicht war er also außerhalb der menschlichen Sichtweite. Kon fragte Jake, wie viele Kilometer er aus Keimöl herausholen konnte, was ihm eine Tirade über fossile Brennstoffe einbrachte, die die gesamte Länge des Kieswegs bis zur Farm hinaus dauerte.
Als sie in die Einfahrt fuhren, stand Marthas Truck nicht dort. Jake schaltete den Motor ab und Kon weitete in der plötzlichen Stille sein Gehör aus, bis er sie bei Mrs. Riley die Straße hinauf fand, Tee trinkend und über Maispreise und ihre Liebesromane plauschend. Erst als Jake sich leise räusperte, realisierte er, dass er nur dagesessen und zur Windschutzscheibe hinaus gestarrt hatte.
„Also…“, meinte Jake. Seine Finger spielten mit einem Flicken Gewebeband auf dem alten Kunstledersitz, sein Arm ruhte auf der Lehne. Seine Augen folgten seiner Hand und eine leichte Röte stieg in sein Gesicht. „Ähm…“
Kon wartete. Es gab da offensichtlich etwas, das Jake sagen wollte. Die Hand am Lenkrad ver- und entkrampfte sich immer wieder und sein Fuß ging immer wieder gegen das Bremspedal.
„Wegen… äh. Wegen. Du weißt schon. Dem Ball.“
Oh. Oh. Kon kam sich wie ein Idiot vor. Er spürte, wie ihm ebenfalls die Röte ins Gesicht stieg – er errötete nicht oft, aber es passierte – und senkte den Blick. „Jake…“
Jake musste in seiner Stimme etwas gehört haben, denn er zuckte zusammen und riss seinen Arm zurück, um das Lenkrad wieder mit beiden Händen zu greifen, sein Blick starr geradeaus gerichtet. „Ja, ich – tut mir leid.“
„Nein“, versicherte Kon hastig, denn, verdammt, Jake war sein erster Freund seit einer Ewigkeit, der nicht Verbrecher jagte. „Ich bin nicht – es ist nur. Es gibt da – jemanden. Von außerhalb.“
Jake stieß ein langgezogenes Seufzen aus und drehte sein Gesicht zum Fenster. „Ja, das… dachte ich mir schon. Dein, äh. Freund. In Gotham? Tim?”
Kon blieb der Mund offen stehen.
„Ich hab‘s eben einfach versuchen müssen. Ich mein…“ Er schnaubte frustriert. „Ich schätze, ich hab gehofft, dass er zu weit weg wohnt, aber du hast ja schon gesagt, dass du ihn oft siehst, von daher… Und ich dachte vielleicht, wenn er nicht kommt…“ Er ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken und sah aus dem Augenwinkel zu Kon. „Kommt er?“
„Ähm“, machte Kon und versuchte nicht in Panik zu verfallen.
*
Zwanzig Minuten später ging er in Alvin Drapers Wohnung rastlos auf und ab. Tim saß im Schneidersitz auf der Couch, seine Ellbogen auf seinen Knien ruhend und seine Hände locker vor dem Mund gefaltet wie bei einem Superschurken. „Alter“, meinte Kon, als er auf und ab ging, „du darfst nicht lachen.“
„Ich bin mir nicht sicher, dass ich das versprechen kann“, gab Tim hörbar belustigt zurück.
Kon wirbelte herum und zeigte mit einem Finger auf ihn. „Nein, Mann! Du darfst nicht lachen. Ernsthaft!”
Tim lächelte nur ein kleines bisschen mit einem Mundwinkel. Es war derjenige Gesichtsausdruck, den er immer machte, wenn er dachte, dass Kon ein Idiot war, es ihm aber nicht viel ausmachte. Kon konnte ihn nicht mal ansehen. Er drehte sich um und starrte durch das winzige, verdreckte Fenster auf die Ziegelmauer des Nachbargebäudes. „Du musst mein fester Freund sein“, sprach er es hastig aus und biss sich auf die Lippe.
Tim hinter ihm war absolut still. Er hörte keinerlei Geräusche mit Ausnahme seines Herzschlags und seiner Atmung – und keines von beidem änderte sich mit Kons Erklärung. Als Tim nicht einmal zuckte, sah Kon sich schließlich zu ihm um.
Er hatte sich nicht bewegt. Auch wenn es sich anfühlte, als hätte er sich bewegt. Was vorher wie eine wachsame Pose gewirkt hatte, schien jetzt etwas komplett anderes zu sein. Auf seinem Gesicht lag ein abwägender Ausdruck und er sah… naja, er sah mit einem Mal viel mehr nach Red Robin als nach Tim aus, auch wenn Kon nicht wirklich wusste, was diesen Unterschied ausmachte.
„Es ist… Also es wäre ja nur zur Tarnung, richtig? Du bist bei Undercover-Sachen gut. Ich bin scheiße drin. Ich schaff es ja grade so, Conner fucking Kent zu sein—“
„Okay“, willigte Tim ein.
„Und ich muss in der Nähe dieser Kids bleiben. Sie sind ernsthaft in Gefahr. Und das bedeutet, ich muss mich anpassen. Ich muss zu diesem Ball und ich kann schlecht Cassie mitbringen—“
„Kon—“
„Du hast echt einen Gefallen gut! Ich mein, ich schulde dir eh schon, was, mindestens ein Dutzend Gefallen? Und da ist Titans-Zeug noch nicht mal mit eingerechnet—“
„Kon!“
Kon hatte nicht mal realisiert, dass er erneut auf und ab ging. Er hielt inne und drehte sich zu Tim um, der ihn direkt ansah. „Ja?“
„Ich mach es. Wann ist der Ball?“
„Ähm“, machte Kon blinzelnd. Er hatte damit gerechnet, dass er mehr Überzeugungsarbeit leisten müsste. Vielleicht sogar betteln. „Freitag. Wirklich? Du machst es?“
„Natürlich.“
Kon stieß ein erleichtertes Seufzen aus. Er ließ sich wie ein Blatt im Wind treiben, bis er ausgestreckt neben Tim auf der Couch lag. „Himmel! Danke, Mann! Es ist nur – da ist dieser Junge?“
Tim zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Nicht so“, winkte Kon ab, „aber ich glaub, ich hab ihm was vorgemacht? Vielleicht? Ich hab es nicht mal gemerkt – ich war so verdammt stolz auf mich, dass ich eine neue Freundschaft geschlossen hab, weißt du?“ Er ließ den Kopf in seine Hände fallen. „Mann, bin ich schwer von Begriff.“
Ohne Supergehör hätte man Tims Schnauben wahrscheinlich nicht wahrgenommen.
„Ach klappe!“, sagte Kon und lächelte ihn verlegen von zwischen seinen Fingern an.
Ich habe als großer Fan, einst begonnen mir die Geschichte irgendwie im Traum vorgestellt (ichweiß hört sich komisch an, aber ich hab sie nicht mehr aus dem Kopf bekommen) daher hab ich sie dann zuerst auf Papier und dann anschließend, auf Wattpad veröffentlicht und sie ist eine der beliebten FanFic geworden, auch wenn ich nicht regelmäßig poste. Aber ich wollt sie euch nicht vorenthalten, daher "Let the Story begin"
Info: Es geht um SPN = Supernatural. Ich hab versucht/versuche meine eigene Version mithineinzubringen und daher entstand die Story.
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Hohe Absätze hallte von den Wänden wieder und eine junge Frau lief mit zielsicheren Schritten auf die vordere Türe zu und mit einer dramatischen Stille brachte sie diesen mit einem gut gezielten Tritt zu Boden. Die Türe wurden komplett aus den Angeln gerissen und schlitterte den rauen Betonboden entlang, bis vor den Füßen des Mannes der den Anzug trug. Der Mann blickte mit hochgezogenen Brauen von der Tür zur Frau, die in beiden Händen eine Waffe trug, eine tödlicher als die andere. "Die Retterin in der Not, wenn der Gefangenen willst du retten. Die beiden Vollidioten oder das geflügelte gebrochene Etwas?, fragte er und zeigte auf die geknebelten rebellierenden Gefangenen.
"Beide, ich würde dir also raten das zu tun was ich sage oder du sagst Bye Bye zu dem was du Hülle nennst", grinste sie und hielt die Waffen nach oben und zielte auf ihn. Er hatte es ein klein wenig mit der Angst zu tun, nachdem er richtig hingesehen hatte, was genau sie da in den Händen gehalten hatte. "Die Zeit rennt, also?", fragte sie und lud die Waffen mit einem schnellen Griff. Crowley lächelte, als er sah, dass einer seiner Lakaien sich anschlich doch sie hatte ihn gehört und brachte ihn mit einem Roundhousekick zu Boden wo er K.O liegen blieb. "Die Zeit ist um", sagte sie und drückte den Abzug und mit einer unmenschlichen Geschwindigkeit ging alles zu Ende.
Kapitel 1
„Komm schon Mary, noch einmal dann ist es vorbei und du kannst dich ausruhen", rief Brianna und lenkte mich somit von den Schmerzen ab. „Ich..Ich kann nicht mehr Bree, ich will nicht mehr"stöhnte ich und war am Ende meiner Kräfte und es tat mir alles weh.
„Komm du hast es fast geschafft nur noch einmal, dann darfst du sie halten", machte sie mir weiterhin Mut und ich war eigentlich wirklich am Ende, aber die letzten Worte gaben mir die letzte Kraft und ich drückte und schrie, dass ich dann zusammensank, als ich die ersten Schreie meines Babys hörte. Sie schrie laut und das war ein gutes Zeichen. Ich war müde und wollte eigentlich nur noch schlafen, aber Bree sprach mit mir und kümmerte sich um mein Baby. „Das hast du echt toll gemacht Mary, ich bin stolz auf dich und sie ist bezaubernd", lächelte mich meine beste Freundin an. In einem rosafarbenen Tuch eingewickelt und gesäubert legte sie mir das Bündel in meine Arme und sofort war die Müdigkeit verschwunden.
Alles was zählte, war das kleine Baby in meinen Armen und still war und nach meinem Finger griff, als ich es ihr hinhielt.„Wie willst du sie nennen Mary?, fragte Bree und stellte sich neben mich und lächelte uns an. „Brianna, sie wird Brianna heißen. Aber John darf davon nichts erfahren .. er wollte es nicht also wird er niemals davon erfahren", sagte ich und sah zu meiner besten auf.„Bist du dir da absolut sicher? Wenn er davon nichts wissen soll, wie willst du sie ins Haus bringen?, fragte sie, aber als ich sie ansah und dabei weinte, kannte sie die Antwort schon.
„Oh okay, ich.. ich werde mich sofort erkundigen", sagte Bree hektisch und verließ das Zimmer und ließ mich mit meinem Mädchen allein. „Es tut mir so unendlich Leid, aber dein Daddy ist nicht bereit dazu Vater zu sein, aber ich verspreche dir .. dich niemals... niemals in meinem Leben zu vergessen. Du wirst immer ein sehr wichtiger Teil meines Lebens sein, immer", sagte ich und spürte wie die Tränen meinen Wangen hinunterliefen und die kleine schien zu wissen, dass es mir nicht gut ging und begann ebenfalls zu weinen. Ich lag da und weinte und versuchte mein Mädchen zu beruhigen. Wenige Minuten später war es wieder still im Raum und wiegte sie hin und her und sah ihr beim Schlafen zu. Bree kam wieder runter, selbst sie hatte geweint, denn man konnte getrocknete Tränenspuren sehen.
„Eine Frau aus dem Waisenhaus hier in der Nähe wird bald kommen, wir sollten vielleicht,...", sagte sie nahm meine Tochter in ihre Arme und legte sie in die Wiege. Anschließend half sie mir auf und ins Badezimmer zu kommen, da ich noch etwas wackelig unterwegs war. Nachdem ich mich minutenlang im Spiegel anstarrte und feststellte, dass ich blass und ziemlich müde aussah, stellte ich mich unter die Dusche und konnte meine weiteren Tränen nicht unterdrücken und ließ sie heraus. Nachdem ich fertig geduscht hatte und einigermaßen besser aussah als zuvor aber als ich hörte wie Brianna die Türe einer Frau öffnete die sich als Ms Redford vorstellte. Ich selbst konnte einfach nicht das Wohnzimmer betreten, wo die beiden Frauen standen und sich unterhielten.
„Es ist das Beste auch wenn es schwer für die Mutter ist, bitte finden Sie ein schönes zu Hause für die kleine", sagte Bree und ich fand, dass sie die beste Freundin war und ich war zuversichtlich, dass sie alles dafür tun würden Brianna zu helfen. Bree ging aus dem Raum entdeckte mich umarmte mich und holte mein kleines Baby und kam wieder zurück.„Warte ich will ihr noch ein Kuss geben", sagte ich blickte in das schlafende Gesicht küsste ihre Stirn und nahm meine Kette ab und reichte sie Bree. „Geb sie ihr mit und sie sollen ihr die Kette geben sobald man sie ihr umbinden kann.
Sie sollen ihr den Namen Bree geben. Sie sollen auf meine kleine gut aufpassen", meinte ich und unterdrückte die Tränen. Bree nickte und ging zurück ins Wohnzimmer und lauschte wie Ms Redford klein Bree begrüßte und zustimmte alles was ich meiner besten Freundin gesagt hatte. Ms Redford war schon seit einer guten Stunde gegangen und ich hatte mich getraut ins Wohnzimmer zu gehen nachdem Bree gegangen war aber zuvor hatte sie mir Tee gemacht und mich im Arm gehalten und getröstet.Ich war allein, das Haus wirkte ziemlich leer und verlassen.Automatisch wanderte meine Hand zu meinem Bauch aber dieser war flach und schmerzte.
Mein kleiner Enger war sicherlich schon im Waisenhaus angekommen und schlief tief und fest und bekam von der Tat nichts mit. Es tat mir so unendlich weh und ich wollte nicht mehr alleine sein daher griff ich nach dem Telefon und wählte eine bekannte Nummer. Nach dem zweiten klingeln nahm er ab. „Winchester", sagte er und ich begann wieder zu weinen.
„John, bitte komm wieder nach Hause ich .. ich vermisse dich und hasse es wenn wir streiten. Bitte, es tut mir leid", stotterte ich und blickte aus dem Wohnzimmerfenster. Ohne wirklich darauf zu achten, was John sagte war ich eher von dem Mann abgelenkt der auf der anderen Straßenseite stand und direkt in meine Augen blickte und lächelte. Der Dämon, der mir vor einem Jahr einen Besuch abstattete und der Deal gemacht wurde.
Wusste er etwa? fragte ich mich doch als ein LKW vorbeifuhr war er verschwunden. „Mary? Mary bist du noch dran?, fragte John und somit riss er mich zurück ins hier und jetzt „Ja, bitte komm nach Hause", bat ich ihn und er willigte ein. Eine halbe Stunde später saßen wir auf der Couch. Ich lag eingekuschelt an ihn und er beschützte mich, so als wüsste er, dass es mir nicht gut ging und trauerte.
Am Montagmorgen war Kon schon früh in der Schule und hatte auch bereits vier Poster aufgehängt, bevor auch nur irgendjemand daran dachte, Cross holen zu gehen. Er hatte bereits eine kleine Menschentraube um sich versammelt – vor allem Neunt- und Zehntklässler, die größtenteils zueinander kicherten und deuteten – aber das war ihm ziemlich egal. War ja nicht so, als hätte er Angst davor, vor Publikum zu arbeiten.
Eigentlich brauchte er keine Hilfe, aber als Delilah auftauchte, um das fünfte Poster zu halten, machte er ihr einfach Platz, bevor er es mit Tesafilm befestigte.
„Kent. Roberts.“
Kon machte noch einen zusätzlichen Streifen Tesa fest, dann drehte er sich mit einem fröhlichen Lächeln um: „Guten Morgen, Sir.“
Delilah neben ihm machte einen regelrecht rebellischen Eindruck. Sie konnte ja nicht wissen, dass es einen Plan gab, so dass Kon sich fragte, was sie hier eigentlich machte. Aber vielleicht wollte sie eben Cross so sehr sie konnte ans Bein pinkeln.
„Ich fürchte, Sie werden die wieder abhängen müssen, junger Mann“, wies Cross ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust.
Kon setzte seinen Rucksack auf dem Boden ab und zog einen dicken braunen Umschlag heraus. Er hielt ihn Cross entgegen und dieser nahm ihn reflexartig an sich, ohne überhaupt einen Blick darauf zu werfen.
„Was soll das sein?“ Cross besah sich die Oberseite des Umschlags, dann drehte er ihn um und hielt ihn etwas in die Höhe, um sich die Rückseite anzusehen.
„Eine Forderung“, erwiderte Kon, „Eine rechtliche Forderung. Ein Freund hat sie für mich verfasst. Ich schätze, Sie haben nicht gewusst, dass Sie das Gesetz brechen.“
Um sie herum wurden die Schüler unruhig und flüsterten untereinander. Irgendjemand gab ein leises „Uuuh…“ von sich, allerdings so, dass Cross es hören konnte. Er gab einen abweisenden Laut von sich und versuchte den Umschlag zurückzugeben.
Kon nahm ihn nicht zurück. Er stand stumm da, seine Hände in die Hüften gestemmt und ließ es zu, dass der Umschlag ihn am Oberkörper traf. „Sie sollten das lieber lesen. Wenn Sie‘s ignorieren, wird das vor Gericht keinen guten Eindruck machen.“
Cross ließ seine Hände sinken, auch wenn er den Umschlag in seiner angespannten Faust weiter umklammert hielt. „Vor Gericht?“
Kon wandte sich an Delilah. Es war verdammt gut, dass sie von sich aus mitgemacht hatte, weil er sich ziemlich sicher war, dass er auf ihre Antwort zählen konnte. „Du hast gesehen, wie er den Umschlag von mir entgegen genommen hat, richtig?“
Ihre Augen leuchteten voll teuflischer Schadenfreude. „Muss ich irgendwas unterschreiben? Ich unterschreib‘s dir.“
„Nur wenn wir wirklich vor Gericht müssen“, gab Kon zurück. Er war sich nicht sicher, ob das stimmte, aber es klang zumindest gut. „Aber ich bin sicher, uns allen wäre es lieber, wenn wir das nicht müssen.“
Jemand in der immer noch wachsenden Menschentraube lachte auf. Cross kniff die Augen zusammen.
„Der Brief ist recht lang“, meinte Kon, „deshalb fasse ich mal zusammen: Gesetzlich lassen Sie entweder den Club sich treffen und geben ihm denselben Zugang zu Schulmitteln wie allen anderen Clubs – oder Sie schließen alles außerhalb des Lehrplans. Und das heißt auch alles. Band…“, er nickte zwei Anderen zu, von denen er ziemlich sicher wusste, dass sie in der Marching Band waren, „Football…“
Delilahs Mund klappte auf. Sie schien sich gerade diebisch zu freuen.
„Ansonsten verstoßen Sie gegen den Federal Equal Access Act und den 14. Zusatzartikel zur Verfassung.“ Er beugte sich etwas vor und senkte verschwörerisch die Stimme: „Ich nehm an, das wussten Sie nicht. Ich meine, Sie würden doch sicher nicht absichtlich die verfassungsmäßigen Rechte Ihrer Schüler einschränken…“
„Äh“, machte Cross und sah auf einmal um vieles weniger verärgert aus. In Wirklichkeit… Kon war sich nicht sicher, aber er meinte, dass er ziemlich traurig aussah. „Mister Kent, bitte verstehen Sie… Ich bin hier nicht Ihr Feind. Ich versuche lediglich, meine Schüler von Gefahr fernzuhalten“, er seufzte, „In Ordnung, Sie haben Ihren Club. Es gibt ganz offensichtlich Interesse von Seiten der Schülerschaft… Wenn Sie sich auf dem Schulgelände treffen, werden Sie allerdings eine Betreuungsperson brauchen.“
„Die hat er.“
Alle wandten sich zu der Stimme um. Kon lächelte nur. „Guten Morgen, Mister Dalton“, grüßte er, „Ich nehm an, Sie haben meine Nachricht bekommen?“
Der Gong ertönte. Einige Leute ächzten laut auf. Nach ein paar langen Sekunden, in denen er Blicke mit Kon und Dalton austauschte, hob Cross seine Arme über den Kopf. „Gehen Sie jetzt alle in Ihren Unterricht!“
Die Menschenmenge löste sich ziemlich schnell auf und Kon und Dalton setzten sich gemeinsam in Richtung des Naturwissenschaftstrakts in Bewegung. „Sie machen‘s also?“, fragte Kon.
„Natürlich“, meinte Dalton erfreut, „Oh, ich würde ja nur zu gerne sehen, wie sie mich jetzt rauswerfen wollen…“
„Sie rauswerfen?“ Kon hielt inne und starrte ihn an. „Sie meinen, die werfen Sie raus?“
„Oh, keine Sorge“, erwiderte Dalton fröhlich, „Die werden nicht dran festhalten können.“ Er ging weiter, so dass Kon kopfschüttelnd hinter ihm her lief. „Im Ernst, Conner, du hättest keine bessere Wahl treffen können, wen du als Betreuer fragst – also vorausgesetzt, ich war nicht deine letzte Wahl…“
„Nein“, antwortete Kon, „Ich hätte ehrlich nicht gewusst, wen ich sonst fragen sollte…“ Sein Blick verfinsterte sich: „Sie… klingen irgendwie… äh, so gar nicht besorgt. Dass Sie Ihren Job verlieren könnten.“
„Eigentlich…“ Dalton sah sich um und deutete Kon in Richtung der Klassenzimmertür. Er beugte sich ihm entgegen und meinte leise: „hatte ich wirklich gehofft, dass sie mich rauswerfen. Aber erzähl das niemandem.“
„Sie—“ Kon verstummte. „Was?“
„Die ACLU benötigt einen Musterprozess für das ‚Intelligent Design‘-Gesetz, das Kansas vor ein paar Jahren erlassen hat. Es ist unverhohlen verfassungswidrig und jeder, der nur ein bisschen Gesetzeskenntnis hat, weiß das. Aber man kann so etwas nicht einfach verkünden – man muss innerhalb des Systems arbeiten. Was bedeutet… naja, es bedeutet, dass sie befinden müssen, dass jemand dagegen verstößt. So dass man vor einem höheren Gericht dagegen Berufung einlegen kann. Also… Also bin ich sowieso schon drauf vorbereitet, schikaniert zu werden, Conner. Ich bin drauf vorbereitet, meinen Job zu verlieren. Viel mehr können sie mir sowieso nicht mehr antun.“
Der finale Gong ertönte und Dalton verschwand ins Klassenzimmer, wobei er mit einem Klatschen zur Ordnung aufrief. Kon folgte ihm und setzte sich auf seinen üblichen Platz in der dritten Reihe. Dalton öffnete sein Klassenbuch und begann Namen abzuhaken, also hatte Kon einen Moment Zeit, um sich umzudrehen.
„Hey“, sagte er. Baumhauer sah zu ihm auf, sein Gesichtsausdruck leicht verwirrt. Er und Kon pflegten wirklich nicht das freundschaftlichste Verhältnis, obwohl sie in derselben Laborgruppe waren – vor allem, weil Baumhauer scheinbar morgens immer schlechte Laune hatte und es ihm nichts ausmachte, dass er die gesamte Gruppe darunter leiden ließ. Kon war sich absolut nicht sicher, wie er das fragen sollte, was er fragen wollte. Schließlich entschied er sich für: „Ich, äh, hab gesehen, dass du bei Matts Beerdigung warst.“ Als Baumhauer nichts dazu sagte, fügte er noch hinzu: „Ich war… etwas überrascht?“
Baumhauer wandte sich wieder seinem Notizbuch zu, in das er eine Art Liste schrieb. „Mein Vater ist der Pastor. Stephens war Teil der Kirchengemeinde“, antwortete er ohne Kon anzusehen, „Auch wenn er nicht sehr oft in der Kirche war.“
„Oh“, machte Kon. Tja, das machte etwas mehr Sinn.
„Gott liebt den Sünder“, sagte Baumhauer mit einem Anflug von jemandem, der eine Bibelstelle rezitierte, „selbst wenn er die Sünde hasst. Jeder hat eine christliche Beerdigung verdient.“ Er machte eine Pause und sah auf. „Und ich kann mir vorstellen, dass die Unterstützung, die die Kirchengemeinde gezeigt hat, auch seiner Familie ein gewisses Maß an Trost geben konnte.“
Kon war sich ziemlich sicher, Rebecca hätte es lieber gehabt, wenn er sie unterstützte, indem er nicht ihren Sohn und seinen festen Freund beleidigte, aber… naja, es war besser als nichts.
„Aber wenn wir schon beim Thema sind…“, meinte Baumhauer, als er sich wieder seiner Liste zuwandte, „Ich glaub nicht, dass ich dich dieses Halbjahr jemals in der Kirche gesehen hätte. Deine Tante kommt jeden Sonntag alleine.“
„Ähm“, machte Kon. Er fühlte sich mit einem Mal unwohl. „Ich bin an den Wochenenden ziemlich beschäftigt.“
„Guten Morgen zusammen!“, begrüßte Dalton die Klasse, als er sein Klassenbuch zuklappte und ans Whiteboard trat. Kon ergriff die Gelegenheit, sich wieder nach vorne zu drehen. Dalton lächelte immer noch genauso breit wie vorhin auf dem Gang. „Wer will über Viren reden?“
Naja, immerhin besser als Religion.
*
Er legte nach Bio einen kurzen Boxenstopp ein – es war sehr viel Kaffee nötig gewesen, um seine Aufgaben auf der Farm so rechtzeitig fertig zu haben, dass er so früh in der Schule sein konnte. Er war gerade dabei, sich die Hände zu waschen, als zwei andere Jungen redend und lachend hereinkamen. Sie verstummten, kaum dass sie ihn sahen, und standen einfach nur verloren da.
„Was?“ fragte Kon.
Keiner der beiden antwortete. Sie sahen ihn nicht einmal an. Kon knurrte verärgert und schüttelte seine Hände trocken, bevor er sich an ihnen vorbei und hinaus auf den Gang drängte. Einer der Jungen stolperte fast in seiner Eile, Kon aus dem Weg zu gehen.
Als er den Kunstraum betrat, packte Jake ihn am Arm und zog ihn regelrecht zu ihrem Tisch im hinteren Teil des Raums. „Neue Aufgabe“, klärte er ihn auf, „Wir sollen uns einen Partner suchen und—“
„Such dir wen anders“, meinte Kon und löste sich von ihm.
Jake starrte ihn nur mit offenem Mund an, was Kon sich wie einen Arsch fühlen ließ. „Du brauchst dir die ganzen Schikanen nicht antun. Du weißt, wie die Gerüchteküche hier funktioniert. Wenn die Leute denken, dass wir befreundet sind—“
„…aber wir sind befreundet.“ Er sah Kon vorwurfsvoll an und setzte sich. Als Kon stehen blieb, ließ er mit einem gezielten Tritt den Stuhl neben sich von unter dem Tisch heraus gleiten. „Oh komm schon, setz dich hin. Wir machen Porträts. Und du wirst die Hilfe brauchen können.“
Kon seufzte. Aber er setzte sich hin.
*
„Wir müssen dieselben Regeln wie alle anderen Clubs befolgen“, teilte Kon der Gruppe mit, „Und ihr könnt drauf wetten, dass es jemand merkt, wenn wir das nicht tun.“
„Okay“, meinte Mel, „dann müssen wir eine Charta aufsetzen, einen Vorstand wählen, Spenden sammeln für alltägliche Ausgaben…“
Sie waren wieder in der Bibliothek und diesmal versteckte sich Kon nicht zwischen den Büchern – und Jake auch nicht. Es waren auch noch weitere Kids dabei, die am Freitag noch nicht hier gewesen waren, unter anderem ein Mädchen aus seinem Mathekurs. Die Stühle waren zu einem Stuhlkreis gestellt, und sie verteilten den Stapel Dokumente und Handzettel, den Bart zusammengestellt hatte. „Ich… hab da einen Entwurf?“, warf Kon unsicher in den Raum. Er kramte in seinem Rucksack und zog eine Mappe hervor. Sie war nur leicht verknickt. „Basierend auf, äh, denen von ähnlichen Clubs.“
Sie nahm die Mappe von ihm entgegen und blätterte darin, die Seiten überfliegend. „Sieht gut aus“, sagte sie, „Na dann, machen wir Kopien für alle und dann können wir über Änderungen abstimmen. Wer hat Vierteldollars?“
„Äh…“ Kon durchsuchte seine Taschen nach Kleingeld. Die anderen taten dasselbe und bald hatten sie einen ganzen Stapel Münzen beisammen.
„Wenn ich wieder da bin“, fuhr Mel fort, „sollten wir uns über Ämter unterhalten. Ich denk, wir sollten beim heutigen Treffen zumindest jemanden nominiert haben.“ Sie sammelte das Geld ein und ging hinüber zum Kopierer.
„Also, wer sollte unser Vorsitzender werden?“, fragte Hamilton in die Runde.
Ein paar Leute, Jake und Delilah eingeschlossen, sahen zu Kon hinüber.
„Oh nein“, schüttelte er den Kopf und hob abwehrend die Hände. „Nein, nein, nein—“
„Immerhin warst du derjenige, der das alles hier zusammen gebracht hat“, meinte Clarence, „Und du hast Cross überzeugt.“
Er sah hilfesuchend zu Jake, aber Jake grinste ihn nur an. „Ich kann nicht“, beharrte Kon, „Leute, ich hab… andere Verpflichtungen, okay? Außerdem bin ich wirklich die absolut schlechteste Wahl—“
„Dann“, sagte Delilah, „nominier jemanden. Ansonsten bist du denk ich Vorsitzender aus Mangel an Herausforderern.“
Ausgerechnet in diesem Moment kam Mel mit der Charta zurück, um die Kopien auszuteilen. Als Kon aufsprang und sie am Ellbogen in die Mitte des Stuhlkreises zog, ließ sie vor Schreck den gesamten Stapel fallen.
Jake hörte nicht auf zu lachen, bis die Wahl begann. Aber er war immerhin so hilfsbereit und hob die ganzen Blätter auf.
*
Nach dem Treffen begleitete Delilah ihn zu Englisch. „Kanntest du Matt eigentlich?“, fragte sie, als er kurz am Wasserspender anhielt, um etwas zu trinken.
„Nein“, gab Kon zu. Er richtete sich wieder auf und wischte sich das Kinn ab, dann nahm er seinen Rucksack wieder auf und sie gingen weiter. „Ich mein… Ich hab ihn letzte Woche getroffen, kurz bevor…“ Er verstummte. „Miller hat ihn im Gang umgerempelt.“
„Er ist echt ein Scheißkerl“, stimmte sie zu, bis sie mit einem Mal stehen blieb und sich zu ihm drehte. „Warte mal, das warst du?“
„Was war ich?“
„Du hast ihm geholfen, seine Sachen aufzuheben.“
Kon nickte, eine Hand im Nacken.
Delilah lachte. „Er hat gesagt – wow!“
„Was?“
„Er hat gesagt, du bist schnucklig“, lächelte sie traurig. „Ich meine, er hat Clarence geliebt, versteh mich nicht falsch, aber er hatte Augen im Kopf.“
Kon wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Seine Hand ging erneut in seinen Nacken.
„Er hat mir erzählt, was passiert ist. Vor der siebten Stunde. Pete hat ihn schon immer blöd angemacht, so dass keiner von uns… Er wollte mich nach der Schule nach Hause fahren, aber er hat nicht dort gewartet, wo wir ausgemacht hatten… naja, den Rest weißt du eh.“
„Nicht wirklich“, gab Kon zu. Ohne Tim und die Polizeiberichte wüsste er wirklich so gut wie gar nichts. „Ich hab gehört, du… hast ihn gefunden.“
Delilah wandte den Blick ab. „Er ist nicht rausgekommen, als ich gerufen hab, also bin ich rein, um seinen dürren Arsch nach draußen zu befördern—“
„Aus der Jungen-Umkleide?“
Sie schnaubte: „Als ob mich das kümmert.“
„Hast du… jemanden gesehen?“, fragte Kon. Er wusste nicht so recht, warum ihm eng um die Brust wurde. Das war es doch, was er wollte, richtig? An sie heranzukommen, sie dazu zu bringen, dass sie sich ihm gegenüber öffnete… Warum fühlte er sich dann, als würde er sie gerade irgendwie hintergehen?
Wenn sie wüsste, wer er war und was er hier zu tun versuchte, würde sie das sicher verstehen und helfen. Das wusste er. Warum fühlte er sich so…?
„Niemanden“, antwortete sie. „Ich hab 911 gerufen. Die von der Mannschaft sind nach und nach zum Training gekommen, aber ich hab sie draußen gehalten. Coach Danielson auch – und er war da echt nicht glücklich drüber, aber wenn ich ihm gesagt hätte, warum, dann wäre er rein gestürmt und hätte den Tatort zerstört. Und als dann die Cops da waren, hab ich mich in eine Ecke gesetzt und einen kompletten Nervenzusammenbruch gehabt“, lachte sie bitter und wischte sich über die Augen. „Wir kommen noch zu spät.“
Sie setzten sich wieder in Bewegung. Die Gänge waren inzwischen relativ leer. „Er hat einen echt netten Eindruck gemacht“, sagte Kon noch sinnloserweise, aber es war die Wahrheit.
„Er hätte dich wirklich gemocht“, meinte Delilah und seufzte. „Er hätte den Club geliebt – hätte es geliebt, dass du Cross in die Knie gezwungen hast. Er war recht politisch, weißt du? Und er hat immer versucht, alle zu retten…“ Sie brach ab.
Miller stand vor dem Klassenzimmer. „Lilah“, grüßte er sie, „Ich seh schon, du hast dir einen neuen Schwuchtel-Freund angelacht. Trägst du ihm auch die Bücher?“
Sie blieb unvermittelt stehen und schob Kon ihre Bücher in die Hände. Er schaffte es nur, sie zu fangen, indem er heimlich seine Superkräfte verwendete. „Du“, knurrte sie und schubste den größeren Jungen rücklings gegen den Türrahmen.
„Whoa!“ Kon legte hastig die Bücher ab und zog sie zurück. „Das ist er nicht wert.“
„Denkst du, ich weiß das nicht?“, zischte sie, aber an Miller gewandt, „Du krankes, mordgeiles Arschloch!“
„Gibt es ein Problem?“, fragte Miss Harris, als sie hinter Miller in der Tür erschien.
Miller starrte schockiert geradeaus. „Du denkst, ich—“
„Wenn sie dich nicht zur Spritze verurteilen, bring ich dich verfickt nochmal eigenhändig um!“
„Lilah“, rief Kon und zog sie mit einem Arm um ihre Taille zurück. Sie strampelte wild und trat ihm gegen das Schienbein, aber er lockerte seinen Griff nicht. „Shit, beruhig dich.“
„Beruhigen?“
„Oder Sie werden suspendiert“, fügte Miss Harris hinzu, „Oder komplett ausgeschlossen. Ich kann nicht glauben, wie Sie sich gerade verhalten, Delilah.“
„Oh, glauben Sie mir, ich hab genug Gründe—“
Es war, als würde er ein sich wehrendes Tier bändigen wollen. Sie würde sich noch selbst verletzen, wenn sie so weitermachte. „Wir kriegen ihn schon“, raunte Kon ihr ins Ohr, „Wenn er‘s war, kriegen wir ihn. Er verbringt dann den Rest seines Lebens im Gefängnis, aber Lilah, wenn du dich nicht beruhigst, schmeißen sie nicht nur dich raus. Das hier wäre alles, was sie brauchen, um den Club zu schließen. Denkst du, Matt würde das wollen?“
Ein schrecklich erstickter Laut entrang sich ihrer Kehle und sie ließ sich schlaff nach hinten fallen, gegen ihn. All die Streitlust und Wut wichen so plötzlich aus ihr heraus, als wäre sie bewusstlos geschlagen worden. Ihr Herz raste und hämmerte gegen ihren Brustkorb wie das eines Vogels und Kon musste sie stützen, damit sie nicht zu Boden sank.
„Die ist doch übergeschnappt!“, stieß Miller aus und klang dabei gleichzeitig bewundernd und panisch.
„Dann hör auf, sie ständig zu belästigen“, knurrte Kon, „Oder ich schwör bei Gott—“
„Mister Kent!“, maßregelte Miss Harris ihn, „Ich glaube, das reicht.“
In seinen Armen begann Delilah zu schluchzen. Als er seinen Griff etwas lockerte, drehte sie sich um und drückte ihr Gesicht gegen seine Brust. Kon hielt sie an sich gedrückt. „Ich bring sie ins Sekretariat“, meinte er, „Ich glaub, sie sollte besser nach Hause.“
Harris seufzte. „Ja, bitte. Und… sehen Sie mal, ob Sie sie nicht dazu bringen können, Hilfe anzunehmen? Das County hat mehrere Trauerbegleiter für alle Schüler zur Verfügung gestellt, die… von jüngsten Ereignissen betroffen sind.“
„Bin nicht übergeschnappt“, murmelte Delilah gegen seine Schulter.
„Nein“, stimmte Kon zu, „bist du nicht.“ Er drückte sie nochmal, bevor er sie wieder auf die Füße stellte, so dass er ihr Gesicht sah. „Du solltest trotzdem mal mit jemandem reden.“
*
Delilahs Vater ging nicht ans Telefon. Als nächstes versuchten sie Mrs. Moore – Clarences Mutter – und innerhalb von zehn Minuten half Kon Delilah in einen Minivan.
„Sie… hatte so eine Art Nervenzusammenbruch“, erzählte Kon der großgewachsenen, schlanken Schwarzen aus den Weihnachtsfotos. „Ich denke wirklich, sie sollte mit jemandem reden. Haben ihre Eltern—“
Mrs. Moores bitteres Lachen ließ ihn verstummen. Sie schüttelte den Kopf. „Je weniger Worte über die verloren werden, desto besser. Nein, ich denke, Lilah bleibt eine Weile bei uns. Oder—“ Sie wandte sich in ihrem Sitz um und legte Delilah eine schlanke Hand an die Wange. „Rebecca ist furchtbar einsam, Kind. Sie hat sich schon gewundert, warum du nicht mal vorbei kommst.“
Delilah brach erneut in Tränen aus. „Es ist meine Schuld“, schluchzte sie, „Sie wird mich hassen, Miss Charlotte—“
Mrs. Moore zog das weinende Mädchen in eine Umarmung. „Schhh…“ machte sie, „Nein, nein. Es ist doch nicht deine Schuld, Liebes.“
Kons Herz verkrampfte sich in seiner Brust, aber er trat zurück und gab den beiden etwas Privatsphäre. Miller war Teil des Football-Teams. Bald wüssten sie, ob er ein Meta war. Wenn er einer war… Wenn er es wirklich aufgrund seiner Besessenheit mit Delilah auf Matt abgesehen hatte… Kon wusste nicht so recht, ob sie alle Puzzleteile finden würden.
Er drehte sich um und ging zurück ins Schulgebäude, am Rektorat vorbei, wo Cross Papierkram erledigte, vorbei an dem Klassenzimmer, in dem Dalton gerade in den höchsten Tönen von Seeschnecken schwärmte, vorbei an den Türen zur Bibliothek. Er schaffte es allerdings nicht zurück zu Englisch, weil er ein nur allzu vertrautes Geräusch hörte.
Drei Sekunden später war Kon am anderen Ende der Schule, in den Jungen-Toiletten neben der Aula. Er hatte zwei panische Jungen am Kragen gepackt und gegen die Wand gedrückt, ihre Zehen knapp über dem Fliesenboden baumelnd.
Hinter ihm rappelte Chase sich langsam wieder vom Boden auf.
*
Kon saß in der Bibliothek und schlug sich wacker mit Polynomen herum, als sein Handy aufleuchtete und zu vibrieren begann. Als er sah, wer da anrief, eilte er hinüber zwischen die Regale, weg von der Ausgabe, und hob es an sein Ohr. „Hallo?“
„Wegen dem Dinner, das du mir noch schuldest…“, begrüßte Cassie ihn kokett.
„Ich kann heut nicht“, flüsterte Kon, „Ich bin—“ Selbst flüsternd könnte er es hier in der Schulbibliothek nicht erklären. Er würde nicht außer Hörweite des Schulgeländes gehen, bevor nicht alle aus dem Club zu Hause waren. Hamilton war draußen auf dem Feld mit seinem Team und Mel und Katie waren unten im Band-Raum. Es war schwer, sie herauszuhören, aber wenn genug Leute um sie herum waren, die eine solche Lautstärke zustande brachten, schätzte Kon, dass sie im Moment sicher waren.
„Okay“, meinte sie, „Morgen?“
Kon fuhr zusammen. „Jaaa… wahrscheinlich bin ich morgen auch beschäftigt.“
Auf Cassies Seite entstand eine Pause. Sie… faltete gerade Wäsche zusammen? Jedenfalls irgendwas mit Stoffgeräuschen. „Okay“, antwortete sie nach einem Augenblick, „Dann ruf mich an, wenn du nicht beschäftigt bist.“
„Mach ich“, flüsterte Kon zurück. Es gab ein leises Klicken, als sie auflegte. Ups! Wahrscheinlich war er in ziemlichen Schwierigkeiten.
*
Er wollte eigentlich Cassie anrufen und zu Kreuze kriechen, wenn er nach Hause kam, aber als er sich dem Haus näherte, vergaß er diesen Plan augenblicklich. Clark stand auf dem Parkplatz, seine Hände in die Hüften gestemmt, und machte eine große Show daraus, Kons Handarbeit zu begutachten.
„Hey“, begrüßte Kon ihn, als er landete. Krypto sprang auf ihn zu mit einer alten Kanonenkugel, die er irgendwo ausgegraben hatte, also tätschelte Kon ihm den Kopf und warf die Kugel über das Haus, in Richtung der weitläufigen Felder der Masons.
„Du warst ja echt fleißig“, meinte Clark. Er bückte sich, um den Faden um eine der Tomatenpflanzen etwas geradezurücken. „Ma hat eigentlich erwartet, dass du heute Abend zuhause bist, um den Mais zu pflanzen.“
Shit! Anscheinend war er heute Abend von allen möglichen Seiten in Schwierigkeiten. „Ich kann‘s jetzt noch machen.“
„Das hält sich schon noch.“
„Mir ist was dazwischen gekommen—“
Clark runzelte die Stirn. „Ich weiß. Ich weiß von eurem Club, Conner, und von deiner Beteiligung.“
„Oh, gut“, gab Kon zurück. Clark umgab eine Aura von ziemlich heftigem Missfallen, also ging er und holte die Säcke mit Saatmais, anstatt dass er wie ein Idiot hier herumstand. Er piekste Löcher in die beiden Säcke und begann damit über die Parzelle zu laufen, wobei er sehr genau kontrollierte, wie die Saat aus den beiden Säcken unter seinen Armen fiel.
„Du solltest—“
„Ich weiß, was ich tu“, unterbrach Kon ihn, „Warum bist du gleich nochmal sauer auf mich?“
Krypto kam zurück. Er flog vorbei an Clark und zu Kon, der den ‚Ball‘ mit der Spitze eines Turnschuhs aufnahm und ihn mit einer Trittbewegung himmelwärts beförderte.
Clark seufzte: „Du gibst vor, was zu sein, das du nicht bist.“
Am Ende der Parzelle hielt Kon die Saat zurück und fing einen Schritt weiter zwei neue Reihen an. „Ich geb nicht vor, irgendwas zu sein“, gab er zurück, „außer ein Mensch.“ Er ging weiter und säte weiter und verteilte die Saat in ordentlichen Reihen auf der Erde.
„Das meine ich nicht“, warf Clark streng ein.
„Bist du ernsthaft sauer auf mich, weil ich mich eingemischt hab? Vielleicht weißt du das noch nicht, Clark, aber ein Junge ist tot. Heute hab ich seine beste Freundin davon abgehalten, rausgeworfen zu werden, und das hätte ich ohne den Club nicht können. Ich hab verhindert—“ Er stieß ein frustriertes Seufzen aus. „Ich hoffe ehrlich, dass ich nur eine Prügelei verhindert hab. Ich kämpfe hier den guten Kampf.“
„Du hast nicht mal das Feld gepflügt, bevor du angefangen hast—“
„Ich hab dir doch gesagt, ich weiß, was ich tu!“, knurrte Kon, „Vielleicht mach ich es nicht genauso wie du‘s machen würdest, aber irgendjemand muss es machen und oh, schau mal an, derjenige bin ich.“
„Conner—“
„Du hast mich hierher geschickt“, fuhr Kon fort, „Du wolltest, dass ich mich hier heimisch fühle. Und das tu ich, Clark. Das hier ist mein Zuhause und ich werd nicht einfach zusehen, wie ein Haufen echt netter Mitschüler sich ängstlich wegduckt. Wenn dir nicht passt, wie ich das mache, geh und schlag auf einen Meteoriten ein oder so.“
Kon warf die leeren Säcke auf den Boden und klatschte die Hände zusammen. Er ließ sich auf die Knie fallen und stieß seine Hände fast bis zu den Ellbogen in die Erde. Mit einem kräftigen Reißen teilte er die Erde, riss sie auf, rüttelte an der ganzen Parzelle, bis die Saatkörner mit Erde bedeckt waren. Er zog gegen das Gewicht der Erde, bis sie aufgeworfen wurde und Erhöhungen und Vertiefungen zur Entwässerung bildete. Er musste sich auf die Zunge beißen, um das zu bewerkstelligen, weil es wehtat – Kon hatte noch nie vorher eine ganze Parzelle so bearbeitet – aber wenn Clark da einfach nur mit den Händen in den Hüften stehen und ihm sagen wollte, was er zu tun hatte, sollte er zumindest sehen, zu was Kon fähig war.
Superman war stärker. Er war schneller und er hatte mehr Erfahrung und er hatte Eis-Atem und Mikroskop-Blick, aber Kon war nicht einfach nur eine unvollkommene Kopie. Als sie ihn geschaffen hatten, hatten sie ihn anders gemacht. Es gab Dinge, die er tun konnte, die Superman nicht konnte.
Als er aufsah zu den ordentlichen Reihen, die sich nun von einem Ende des Maisfelds zum anderen erstreckten, wurde er mit so etwas wie Schock von Clark angestarrt. Sie sahen sich gegenseitig an wie Idioten, bis Clark schließlich wegsah, in Richtung des Hauses. „Du hast das Abendessen verpasst“, sagte er, „Aber wir haben dir einen Tellervoll aufgehoben.“
„Danke“, antwortete Kon durch zusammengepresste Zähne.
Krypto landete zwischen ihnen und schnüffelte an der frisch umgewälzten Erde. Clark räusperte sich. „Der Garten sieht wirklich gut aus“, räumte er ein, „Gute Nacht.“ Damit erhob er sich in die Luft.
„Gute Nacht“, wiederholte Kon und sah ihm zu, wie er wegflog.
Er schaffte es zu warten, bis Clark außer Sichtweite war, bevor er hintenüber fiel.
ANMERKUNG: Ich habe Minerva noch nie gespielt, aber ich mag sie sehr gern. Der Text entstand nun in einer halben Stunde, ohne ihn groß liegen und "wirken" gelassen zu haben. Ich wollte ein Gefühl einfangen, ein Gefühl verarbeiten. Über Rückmeldung würde ich mich freuen. #SummertimeSnapshot #challenge
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Minerva ließ sich treiben. Der Pulk von Muggeln um sie herum nahm sie mit sich, wie die Strömung eines breiten Flusses. Sie achtete darauf, niemanden anzurempeln oder selbst ein Hindernis auf dem Weg eines anderen zu sein und überraschenderweise war das ziemlich einfach, wenn man nicht darüber nachdachte und kein Ziel vor Augen hatte.
Ein Seufzen folgte auf diesen Gedanken und dabei sog Minerva den Duft ein, welcher so unverkennbar war, dass sie sich den Anflug eines Lächelns nicht verkneifen konnte. Der Duft von Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und Lebkuchen vermischte sich und lag wie eine Decke über der Menge. Hier und da gesellte sich der Duft von Glühwein oder Bier und gegrillten Würsten hinzu. Bei diesen Gerüchen, dieser speziellen Mischung, hatten seine Augen damals einen ganz verzückten Ausdruck angenommen. »Minnie! Das musst du probieren!« Auffordernd hielt er ihr einen Fetzen hin, der klebrig und rosa war. Es sah aus, als würde es ganz fürchterlich kleben. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich…« Ein Blick in sein Gesicht, welches dem eines aufgeregten, kleinen Jungen glich, ließ sie weich werden. »Dann gut,« gab sie nach und ließ sich die klebrige, rosa Masse zum Mund führen. Es roch verteufelt süß und bei Merlin!, das war es auch. Sie verzog das Gesicht und hielt sich die Hand vor dem Mund, während sich ihre Kiefer verklebten und es zwischen ihren Zähnen knirschte. »Albus! Das ist abscheulich süß!« Dieser lachte jungenhaft und schob sich eine erschreckende Menge davon zwischen die Lippen. »Das ist Zuckerwatte, Minnie. Ist das nicht fantastisch? Zu-cker-wa-tte!« Jede Silbe schien er auszukosten.
Sie erinnerte sich daran, als wäre es noch gar nicht so lang her. Diesen ‘einen Tag ohne zu zaubern’, zu welchem Albus sie überredet hatte. Dieser ‘eine Tag ohne zaubern’ und mit zu viel Zuckerwatte, welche sie später aus seinem Bart hatten kriegen müssen. Wie sie mit ihm geschimpft hatte, wusste sie heute noch. Albus hatte noch viele Jahre davon gesprochen und jedes Mal wieder beteuert, dass es das wert gewesen war. Selbst als Poppy ihm einen äußerst unschmackhaften Trunk gegen seine Zahnschmerzen hatte geben müssen. »Das war es wert, Minnie.« Sie wünschte, sie könnte diesen ungeliebten Spitznamen noch einmal von ihrem guten Freund hören.
Minerva wich einer Gruppe aufgeregter Kinder aus, welche mit Plüschtieren und Heliumballons in den Händen an ihr vorbei rannten. Vor ihr ragte das Riesenrad in die Höhe. Bunte Lichter funkelten und verzierten die äußere, hellgraue Verkleidung und tauchten den Jahrmarkt in ganz besonderes Licht. Schon damals war es das Einzige gewesen, das sie überzeugt hatte dieses bunte Treiben aufzusuchen und scheinbar hatte sie ihr Weg unbewusst dorthin geführt. Seit ihrem letzten und bisher einzigem Besuch vor so vielen Jahrzehnten hatte sich vieles verändert. Die Attraktionen und Spielbuden waren mit der Technik gegangen. Alles war größer, lauter, bunter und hatte dadurch einen Teil seines Reizes verloren. Ein Umstand, der nicht zu ändern war. Nichtsdestotrotz fragte sich Minerva, wo die Entwicklung der Muggel all das noch hinführen sollte und ob Jahrmärkte noch in 100 Jahren so populär wären, wie damals und heute. Da überwiegend junge Leute und Kinder die Angebote des Jahrmarkts konsumierten, waren Albus und sie schon damals aufgefallen wie bunte Hunde. »Guckt euch mal den Opa da an! Da auf dem Pferdekarussell!« Und Albus hatte ihnen fröhlich zugewunken, während Minerva am liebsten vor Scham im Boden versunken wäre. Mit hochrotem Gesicht hatte sie auf dem dunklen Pferd gesessen, so wie eine Dame es natürlich tat, und sich an der Stange festgeklammert. Damals hatte sie ihn dafür verflucht. Heute wusste sie, warum er das getan hatte. Warum er sie eingeladen und mitgezerrt hatte. Warum er keine Widerrede geduldet hatte.
Das Riesenrad ragte nun unmittelbar vor ihr in den langsam dunkler werdenden Himmel. Sie erstand ein Fahrtticket (mit Muggelgeld! Minerva hatte dafür ihre Großnichte fragen müssen, denn wie bei Merlins Bart kam man an Muggelgeld?) und trat dann an einen nahegelegenen Wagen heran, welcher Süßigkeiten verkaufte. Eine kleine Tüte mit noch warmen, gebrannten Mandeln tauschte den Besitzer und verschwand in ihrer Handtasche.
Albus’ tänzelnde Schritte hatten sie sicher durch die Muggelmenge und an eine Bratwurstbude geführt. »Setz dich. Ich bin gleich zurück.« Doch Minerva protestierte. »Albus! Du lässt mich hier jetzt nicht si— … Albus!« Zischend hatte sie ihm hinterher gesehen, sein keckes Zwinkern und das breite Grinsen genau erkennend. Da Widerworte aber gar keinen Unterschied machten, hatte sie sich auf eine wackelige Bank gesetzt, ihre Handtasche auf ihren Schoß gepresst und gespürt, wie unwohl sie sich fühlte. Ein Tag ohne zaubern kam ihr vor wie eine Bestrafung. Wieso sollte sie ihr Talent nicht nutzen? Und wieso war Albus überhaupt auf diese Idee gekommen? Das war Unsinn!
»Hier, meine Liebe. Lass es dir schmecken.« Zwei Bratwürste mit Senf und je einer halben, in ein Dreieck geschnittenen Scheibe Brot und zwei Krüge Bier waren auf dem Tablett, welches Albus sicher zu ihnen balancierte. »Ich habe gar keinen Hunger«, sagte sie, doch ihr Begleiter sah sie skeptisch an. »Wir sind schon den ganzen Tag unterwegs. Du bist hungrig.« Mit diesen Worten setzte er sich ihr gegenüber, seinen langen Bart dabei schützend an sich drückend, damit er nicht auch noch im Senf landete. »Das merke ich an deiner Stimmung, liebe Minerva.«
Sie schnappte nach Luft. »Was bildest du dir—« Albus unterbrach sie mit erhobener Hand und sagte freundlich: »Nimm es mir nicht übel, Minnie, aber wenn du hungrig bist, dann hast du ziemlich schlechte Laune. Und jetzt iss. Sonst wird es kalt. Und wenn wir fertig sind, fahren wir mit dem Riesenrad!«
In ihrer Gondel war es still. Minerva konnte ihr eigenes Gesicht in der Scheibe sehen. Vieles hatte sich seit dem letzten Mal verändert, nicht nur ihr Äußeres.
Hogwarts befand sich noch im Wiederaufbau. Nicht nur das Gebäude musste wiederhergestellt werden, auch die Lehrerschaft wies große Lücken auf. Viel zu viele gute Zauberer und Hexen hatten ihr Leben im Kampf gegen Voldemort gelassen. Viel zu viele sinnlose Opfer. Traurigkeit, Ohnmacht und Verlust waren allgegenwärtig und greifbar. Doch trotz allem war Minerva heute hier und ließ sich im Riesenrad nach ganz oben fahren. Natürlich hatte sie auch einfach ihren Besen nehmen und über die Stadt fliegen können, aber sie war aus einem bestimmten Grund hier. Sie hatte es versprochen. Irgendwann…, hatte sie gesagt, würde sie mit ihm noch einmal zum Jahrmarkt gehen. Irgendwann… Minerva war alt genug um zu wissen, dass sie viel zu oft in dieser Zeitangabe gedacht hatte. Irgendwann… Ein schmerzhafter Kloß erschwerte ihr das Schlucken. Eilig zog sie ein Stofftaschentuch aus ihrem Ärmel und hielt es sich vor Mund und Nase, als das erste Schluchzen sie überwältigte.
Minerva weinte - und sie ließ es zu.
Tränen, angesammelt während turbulenter Jahrzehnte, ergossen sich über ihr Gesicht, eingerahmt von losen, ergrauten Strähnen. Tränen, angereichert durch Verlust, Zorn und Hilflosigkeit, tropften ihr Kinn herab auf ihren Schoß; durchnässten das Taschentuch und den Stoff ihrer Kleidung. Tränen, groß und zahlreich und stellvertretend für so viele Erinnerungen, füllten die Leere, welche in ihr herrschte und nach und nach fühlte sie sich besser.
Lange Zeit hatte sich Minerva keinen Anflug von Schwäche erlauben dürfen. Viel zu viele Augenpaare waren auf sie gerichtet gewesen und die Gemälde im Schloss tuschelten viel zu gern. Also hatte sie jeden Drang zu weinen heruntergeschluckt - bis heute.
Mit einem letzten Seufzen tupfte sie sich ihre Augen trocken, atmete zittrig aus und ließ das Gefühl der Ohnmacht damit gehen. Unter ihr erhellten die Lichter der Stadt die Dunkelheit und eine tiefe Melancholie legte sich in die Gondel.
»Albus«, sprach sie in das Zwielicht, »du hattest recht.« Mit noch immer zittrigen Fingern öffnete sie die Tüte mit den warmen Mandeln und legte sich eine auf die Zunge. »Die Muggel haben schon so manche gute Sache für sich entdeckt.« Sie lehnte sich in den Sitz, genoss die angenehme Süße und das Gefühl der Erleichterung, nachdem sich ihre Emotionen wieder reguliert hatten.
Damals hatte sie ihn nicht verstanden, aber heute war ihr klar, warum Albus immer wieder Ausflüge in die Menschenwelt unternommen hatte. Warum er manchmal für einen Tag aufs zaubern verzichtet hatte.
Es war befreiend, sich einmal nicht mit dem Chaos der Welt zu beschäftigen; etwas Neues zu erleben; sich gehen zu lassen. Wenn auch nur für einen Tag.
»Es tut mir leid, dass diese Erkenntnis so spät kommt«, flüsterte Minerva in die Gondel hinein, wohlwissend, dass ihr dieses Mal niemand verzeihen oder ihr antworten würde. »Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe.« Wäre Albus nun hier, hätte er ihre Hand genommen und sie sachte gedrückt. Doch er war es nicht und würde es nie wieder sein.
Also legte sie ihre Rechte auf ihre Linke und stellte sich vor, es wäre so wie damals.
Wenn auch nur für einen Tag.
A/N
Eine Fortsetzung der Spukgeschichten wurde gewünscht. Hier ist sie. Ich hoffe, Ihr habt Spaß damit. Da auch Teil 1 ein 400er-Drabble war, habe ich mich auch hier daran gehalten.
Spukgeschichten - Es riecht nach Rache
„Bist Du bereit?“ Ein Nicken erfolgte. „Bereit“. Toffees kauend stiefelten die Mädchen auf das Gebäude zu, das von vielen gefürchtet wurde. Heute war es endlich so weit. Potter und sein Gefolge waren fällig. „Nur schade, dass ausgerechnet heute Remus dabei ist“, seufzte Marlene. Im Gegensatz zum letzten Mal hatten sich die Jungs an diesem Tag zu viert auf den Weg nach Hogsmeade gemacht. Lily hingegen zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Mitgehangen, mitgefangen“.
An der heulenden Hütte angekommen, hörten sie auch tatsächlich Stimmen. Vorsichtig spähte Marlene durch eines der Fenster und erkannte ein paar Gryffindor-Schals und Black, der soeben eine Runde Bertie Botts Bohnen spendierte. Sie wandte sich wieder an Lily und reichte ihr eine Papiertüte. „Na dann … Los geht‘s“, grinste diese und griff beherzt hinein. Leise schlich sie um das Haus herum bis zur Eingangstür. Gerade, als sie diese öffnen wollte, hörte sie Schritte auf dem Fußboden dahinter und von Marlene war ein warnender Pfiff zu vernehmen. Einer der Jungs trieb sich wohl im Eingangsbereich herum. Eilig presste sich Lily an die Hauswand und wartete, bis Marlene ihr ein Zeichen dafür gab, dass die Luft wieder rein war. Endlich öffnete sie die Tür, warf eine Hand voll Stinkbomben ins Innere und schloss sie schnell wieder. Ein Daumen nach oben signalisierte Marlene, dass der erste Teil ihres Vorhabens geglückt war.
Nur wenige Augenblicke später vernahmen sie aus dem Inneren Potters Stimme: „Sag mal Black, hast Du etwa …? Riechen Hundefürze so?“ Die Freundinnen pressten sich beide Hände vor die Münder, aus Angst, ihr Kichern könne sie verraten. Innerhalb der Hütte wurden die Proteste über den Gestank immer lauter aber die Mädchen waren noch lange nicht fertig. So flogen auch noch ein paar Feuerwerkskörper durch die Eingangstür. Zwar konnten sie nicht sehen, wie die Jungs reagierten aber die Reaktionen waren laut genug, um ihre Fantasie entsprechend anzuregen. Die Mädchen konnten vor Lachen nicht mehr an sich halten und liefen davon, um sich zu verstecken.
Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf stürmten auch die Rumtreiber an die frische Luft. Hustend, blass und mit zerzausten Frisuren sahen sie, wie Evans und McKinnon betont lässig angeschlendert kamen. „Ach herrje“ und: „Was ist denn mit Euch passiert?“, kam es aus ihren Mündern, bevor sich beide genüsslich ein paar Toffees genehmigten und wieder von dannen zogen. Potter kratzte sich am Hinterkopf und Peter runzelte die Stirn, während die anderen beiden bis hinter beide Ohren grinsen mussten.
Hier wäre dann auch mein Beitrag zu den Summertime Snapshots. Und ich muss gestehen: Da habe ich mir ein ganz schönes Ei ins Nest gelegt. Ich habe mir hier ein Thema gewählt, das mir offensichtlich nicht liegt. Aber das Bild mit der Nummer 05 hat mich auf Anhieb inspiriert und ich hatte diesen Snapshot sofort im Kopf. Es war reserviert, also wollte ich auch etwas abliefern. Auch, wenn ich nicht so recht zufrieden damit bin. An dieser Stelle einen lieben Dank an tenten fürs Betalesen und Mut machen, die Geschichte dennoch zu einem Ende zu bringen und hier zu posten. Ich freue mich auch sehr über weitere Kritik und Anregungen von Euch. Aber nun lest selbst:
„Eines Tages fliegen wir zum Meer“, plante James vor sich hin. Sie spürte seinen Arm um ihre Schultern und ein verträumtes Lächeln zierte Lilys Gesicht. So oder so ähnlich planten sie schon seit Wochen vor sich hin. Eine Art Hoffnungsschimmer. Eine zeitweise Flucht aus einer Welt, aus der sie wohl noch eine ganze Weile nicht würden entkommen können. In Zeiten wie diesen war es wohl vollkommen normal, sich in Gedanken seine eigene Zukunft auszumalen oder sich wenigstens woanders hin zu träumen. Irgendwohin, wo kein Krieg herrschte, wo die Welt in Ordnung war. Lilys besorgte Augen ruhten auf Harry. Am Boden des Wohnzimmers auf seiner Decke liegend betastete er mit kleinen Fingerchen seinen Spielzeugbesen und kaute selig mit dem süßesten Lächeln von ganz England darauf herum. „Aber erst musst Du ihm das Fliegen beibringen“. Lily fand es absolut übertrieben, dass James ihm jetzt schon einen Besen gekauft hatte. Einen Spielzeugbesen zwar, aber dennoch: „Er kann ja noch nicht mal sicher gehen“. James löste seinen Arm von Lily, umgriff ihre Schultern und drehte sie zu sich herum, bevor er großspurig von sich gab: „Harry ist etwas ganz Besonderes. Mein Sohn wird schon fliegen können, bevor er richtig gehen kann. Er wird der jüngste und beste Quidditch-Spieler werden, den Hogwarts je gesehen hat. Du wirst sehen". Lily schnaubte: „Ach? DEIN Sohn, ja?“ Ein schiefes Grinsen zeigte sich auf ihren Lippen, bevor sie weitersprach: „Aber ich fürchte, du hast Recht. Er ist ein Potter durch und durch. Ich hoffe nur, er wird während seiner Schulzeit weniger Flausen im Kopf haben, als sein Vater".
Als hätte er das Gespräch mitverfolgt, gluckste klein Harry vergnügt vor sich hin und fing sich dadurch die Aufmerksamkeit seiner Eltern ein. James näherte sich der Krabbeldecke und ging in die Hocke. „Glaub jetzt ja nicht, deine Mutter wäre ein Unschuldslamm gewesen“, ermahnte er mit erhobenem Zeigefinger seinen Sohn. Harry gab etwas von sich, was sich nach „Nein" anhörte, bevor er sich wieder daran machte, auf dem Holz seines Besens herum zu kauen. Was James allerdings dadurch unterband, dass er Harry auf seine Arme hob, um ihm sanft das Spielzeug wegzunehmen. „Nicht kaputt machen. Wir müssen doch deiner Mutter beweisen, was für ein guter Flieger du schon bald sein wirst. Und dann fliegen wir alle drei zusammen ans Meer". Sein Blick fiel auf Lily und er sah, dass sich ein Schatten über ihre eben noch so belustigten Züge legte. Das leichte Schütteln ihres Rotschopfs und ihr besorgter Blick aus dem Fenster hinaus sorgte dafür, dass James sogleich wieder auf seine Frau zutrat, um abermals seinen Arm um ihre Schultern zu legen. Ihre Hand umgriff die Seine, während der Daumen sanft über James' Ehering strich. Unwillkürlich fielen die Blicke von beiden auf das Gruppenfoto, welches eingerahmt auf einem kleinen Eckschrank neben dem Sofa stand. Kurz darauf trafen sich ihre Blicke wieder. Vielsagend und verheißungsvoll. Es brauchte keine Worte um zu verstehen, was sie sagen wollten. Die Gruppe war längst nicht mehr so groß, wie das Foto versprach.
Mit wässrigen Augen schob Lily den Vorhang beiseite und sah abermals hinaus. Draußen setzte bereits die Abenddämmerung ein. Ein Schauder überlief sie. Sie mochte den Einbruch der Nacht nicht. Nicht mehr. Die Tage waren düster genug geworden. „Harry muss ins Bett", beschloss sie daher. Das Leben in Godric‘s Hollow war einfacher zu ertragen, wenn man es in alltäglichen Situationen verdrängte. So griff sie vorsichtig nach Harry, der nicht den Hauch einer Ahnung hatte, in was für eine Welt er da hinein geboren worden war.
„Sag: Gute Nacht, Papa", zwang sie sich dazu, sich vor Harry ihre Sorgen nicht anmerken zu lassen. Und mit seinem fröhlichen „Aah Aah" schaffte es Harry tatsächlich, das Lächeln zurück in Lilys Gesicht zu zaubern. „Bis gleich“, wandte sie sich an James und verschwand mit Harry die Treppe hinauf. Damit wechselten sie sich täglich ab und an diesem Abend war Lily an der Reihe.
Im Schlafzimmer angekommen, beugte sich Lily über die Gitter von Harrys Bettchen und schrak zusammen. Ein lautes Poltern und Krachen ließ sie aufhorchen und James schrie etwas, das sich wie „Lily, bleib oben!“ anhörte. Ihr Herz raste und mit zittrigen Fingern griff sie nach ihrem Zauberstab, um mit diesem bewaffnet zum Treppenabsatz zu eilen. Das grüne Licht, das bis zu ihr nach oben leuchtete, ließ Lily den vor Schreck weinenden Harry ignorieren. „JAMES“, schrie sie mit schriller Stimme, doch statt einer Antwort ihres Liebsten stand plötzlich ER vor ihr und zischte hämische Worte vor sich hin. So schnell es ihr möglich war, eilte Lily zurück ins Schlafzimmer, stellte sich schützend vor Harry und hob ihren Zauberstab in Richtung des Zauberers, dessen Namen sich niemand auszusprechen wagte. Alles ging viel zu schnell. Abermals erhellte das grüne Licht den Raum. Und der Todesfluch traf Lily auf direktem Weg. Er brannte sich schmerzhaft durch ihren Körper, bis sie schließlich mit einem Ausdruck blanken Entsetzens am Boden zu liegen kam und sich nicht mehr rührte.
Es wurde dunkel um sie herum. Und ruhig. Harrys Geschrei war nicht mehr zu hören. Lily war alleine. Der brennende Schmerz in ihrem Körper hatte nachgelassen und war einer angenehmen Wärme gewichen. Die zuvor noch fest zusammengekniffenen Augen vorsichtig öffnend, blinzelte Lily direkt in blendende Sonnenstrahlen hinein. Eine Hand schützend vor das Gesicht gehalten dauerte es eine Weile, bis sie sich an das orangefarbene Licht der untergehenden Sonne gewöhnt hatte. Ein malerischer Himmel, hier und da mit ein paar Wolken dekoriert, erstreckte sich in verschiedenen Lila- und Gelbtönen vor ihr bis hin zum Horizont, an dem die Sonne bereits die Wellen des Meeres zu berühren schien.
Das stetige Rauschen der Wellen unter ihren Füßen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den weichen, nassen Sand, der vom Wasser um ihre Knöchel gespült wurde. Ein weiteres Paar Füße tauchte neben ihr auf und Finger schlangen sich um die Ihren. Lily blickte in James‘ zuversichtliches Lächeln. Sie erwiderte sein Lächeln, als sich ihre Körper lautlos erhoben, um über das Meer hinweg zu den Wolken zu schweben. Immer höher, immer weiter. Bis beide Körper Eins mit dem Himmel wurden.
Einen großen Teil ihres Sonntags verbrachten sie als Team-up gemeinsam mit dem neuen Blue Beetle, den Kon ziemlich cool fand, und Zachary fucking Zatara, von dem Kon fand, dass er ein Arschloch war. Aber wenn Texas von Dämonen heimgesucht wurde, durfte man bei der Verstärkung nicht wählerisch sein und sie brauchten eben magische Hilfe. Und so schaffte Kon es auch, ihm nicht aufs Maul zu hauen, selbst als er Cassie beleidigte und herablassend zu Bart war.
Tim seinerseits schien den Kerl zu mögen – der zu Kons Überraschung auch noch seinen Namen kannte – was es nur noch schlimmer machte. Und auch wenn Jaime echt nett war, war es doch seltsam, ihn mit Tim zusammen auf Spanisch herumscherzen zu hören, sobald die Dämonen gebannt waren und sie sich kurz sammeln konnten. Er hatte nicht einmal gewusst, dass Tim Spanisch konnte, auch wenn er eigentlich nicht überrascht sein sollte.
Manchmal hatte er solche Momente – merkwürdige Pausen, in denen er ganz plötzlich realisierte, dass er fast zwei Jahre einfach verpasst hatte. Für ihn hatte es sich nicht nach viel angefühlt, aber Tim war größer und grüblerischer und Cassie fuhr überhaupt nicht mehr Skateboard oder spielte Videospiele. Und seinem Team waren neue Mitglieder beigetreten, hatten es verlassen, waren zurückgekommen und gestorben, was…
Scheiß auf Ist das Leben nicht schön! Es war eine ganz eigene Hölle, wenn man Beweise dafür hatte, dass die Welt auch ohne einen weitergehen würde.
Zatara war trotzdem noch ein Arsch. Kon war sich ziemlich sicher, dass er das auch von ihm denken würde, wenn er nicht so eng mit Tim befreundet wäre. Dumme, aufgeblasene, verfickte Ostküstler!
*
Als er nach Smallville zurückkam, führte ihn sein Weg direkt zum Diner. Es war später Nachmittag und die einzigen Gäste waren zwei alte Männer vorne am Fenster, die Kaffee tranken. Als Jake also von hinter der Theke hervorkam und breit lächelte, als er ihn bemerkte, hatte Kon absolut kein schlechtes Gewissen dafür, dass er ihn mit sich zu einer der Tischnischen zog. „Ich brauch deine Hilfe, Mann“, sagte er leise – aber nicht leise genug für ein Flüstern, denn nichts erregte in einem Dorf so viel Aufmerksamkeit wie Flüstern.
Jake legte seinen Bestellblock weg und beugte sich ihm über den Tisch hinweg entgegen. „Bist du in Schwierigkeiten?“
Kon schüttelte den Kopf. „Nein, Mann, alles gut. Bei mir ist alles in Ordnung.“ Er grinste. „Bei uns ist alles in Ordnung.“
Die Anspannung fiel etwas von Jake ab. „Du hast nur grad so ernst geklungen—“
„Nein, es ist nur – Ich hab mit ein paar Leuten geredet. Ich hab—“ Er sah sich um. Die Typen am Fenster unterhielten sich über Sojabohnen-Preise und schenkten ihnen wahrscheinlich keine Beachtung. Aber Jakes Schwester – er nahm an, das war seine Schwester – wischte langsam den Tresen und beobachtete sie möglichst unauffällig, ihren Kopf gesenkt. „Äh, willst du mit zu mir kommen?“
Jake schüttelte lächelnd den Kopf. „Lass mich kurz Nell fragen. Oh“, brach er ab und stand auf. „Nell, das ist Conner.“
Nell schenkte ihm ein Lächeln und beugte sich über den Tresen, auf ihre Ellbogen gestützt. „Hi, Conner. Du bist also Martha Kents Sohn?“
„Neffe.“
„Dachte ich mir. Du siehst deinem Cousin ziemlich ähnlich. Er war ein paar Klassen über mir.“
Kon unterdrückte das Verlangen, die Augen zu verdrehen. Es war, als gäbe es ein Skript – ‚Das muss man sagen, wenn man Conner Kent kennenlernt‘. Als nächstes käme—
„Schön zu sehen, dass Jake neue Freunde gefunden hat“, meinte sie und machte sich wieder daran, die Theke abzuwischen.
Okay, vielleicht auch nicht.
„Na los, ab mit euch! Sei nur bitte wieder da, wenn es zum Abendessen wieder voll wird, Jake.“
Jake warf seine Schürze auf die Theke und schob Kon zur Tür hinaus. „Oh Gott“, keuchte er, sobald sie draußen waren und hielt sich an Kons Arm fest. Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen und sein Herz hämmerte in seiner Brust. „Oh Gott, sie weiß es.“
„Was?“, fragte Kon. Er legte Jake eine Hand auf den Rücken, um ihn zu stützen. „Atmen, Alter!“
Jake ließ seinen Arm los und versuchte sich von ihm zu lösen. „Sorry—“
„Nein, Mann!“ Kon schaffte es, seinen Arm um Jakes Schultern zu legen und versuchte ihn so unauffällig wie möglich zu halten. „Alles okay?“
„Fuck“, machte er, bevor er tief durchatmete und sich aufrichtete. „Ja. Ich. Ja. Alles gut.“
„Sicher?“
„Ja“, versicherte Jake erneut. Seine Gesichtsfarbe war wieder besser, auch wenn er immer noch etwas zittrig wirkte und Kon durch das dünne Baumwoll-T-Shirt spüren konnte, dass die Haut an seinem Rücken nassgeschwitzt war. „Wo hast du denn geparkt?“
„Ähm“, wandte Kon den Blick ab, die Straße hinauf. „Ma hat mich vorhin mitgenommen…“, log er.
„Oh. Okay, dann können wir unseren Truck nehmen.“ Jake drehte sich um und lief bereits die Straße hinunter zu Jenkins’s Feed.
Kon eilte hinterher. „Sicher, dass du fahren kannst?“, fragte er, als er Jake eingeholt hatte.
Jake lachte selbstironisch. „Nur eine kleine Panikattacke. Ich hab plötzlich realisiert, dass – ich werd‘s ihnen sagen müssen, oder? Ich mein, wie lange kann man sowas Großes wirklich vor seiner Familie geheim halten?“
Kon schnaubte. „Du wärst echt überrascht. Ein Freund von mir—“ Er brach ab und versuchte einen Augenblick, in seinem Kopf von Superheld in Normalo zu übersetzen, aber ihm fiel nichts ein. Schon komisch, dass er es für sein eigenes Leben konnte, aber scheinbar nicht für Tims.
Jake sah neugierig zu ihm.
„Vergiss es“, zog Kon leicht den Kopf ein.
Sie warteten ab, bis ein Auto vorbei war – dessen Insassen Jake zuwinkten und er winkte zurück –, bevor sie die schmale Straße überquerten. „Also…“, fragte Jake nach, als sie fast drüben waren.
„Oh!“ Auf dem Gehsteig drehte Kon sich zu ihm. „Ich muss Poster machen. Aber ich kann ums Verrecken nicht zeichnen.“
„Poster?“ Jake runzelte die Stirn und sah sich um. “Cross war da ziemlich deutlich, Mann. Keine Treffen mehr, keine Poster mehr—“
„Überlass das ruhig mir“, versicherte Kon und ließ zu, dass sich ein wenig Superboy-Swagger in seinen Gang schlich. „Ist alles geregelt, Mann.“
„Ach so?“ Jake packte ihn am Ellbogen. „Conner…“
Kon hielt an.
„Hör zu, bring – bring dich nicht unnötig in Schwierigkeiten, okay? Wenn du mit Cross aneinander gerätst, kriegen die Leute das mit. Du machst dich damit selber zur Zielscheibe.“
Kon lächelte leicht. Wenn es doch nur so einfach wäre… „Ich kann auf mich aufpassen“, versicherte er.
Jake sah skeptisch aus und dann wurden seine Augen groß und sein Mund klappte auf. „Du—“ Er hielt inne.
„Was?“
Jake starrte ihn noch einen langen Augenblick an, schüttelte aber dann den Kopf. „Nichts. Ich – Hey, wenn wir Poster machen, werden wir Material und so brauchen. Lass uns noch bei Max vorbei schauen—“
Kon blinzelte verwirrt. „Wer ist Max?“
„Ich mein, beim Künstlerbedarfsladen“, meinte Jake. „Ich zahl die Farben und alles.“
Kon blickte ihn düster an. „Nee, Mann, geht auf mich.“
Jake schüttelte erneut den Kopf. „Lass mich wenigstens das machen, okay? Wenn du gegen die da oben angehen willst… will ich wenigstens irgendwas beisteuern. Und außerdem krieg ich Ermäßigung.“
Kon nahm seine ganze Haltung wahr, seinen ernsten Gesichtsausdruck… „Okay“, willigte er ein. Jake wirkte erleichtert. Gemeinsam drehten sie um und überquerten erneut die Straße.
*
„Warte!“
Kon hielt am oberen Treppenabsatz zur Veranda an und drehte sich um. Jake stand auf der ersten Stufe, seine Arme beladen mit Materialien. „Ja?“
Jake sah zur Seite weg, in Richtung des Hühnerstalls. „Weiß deine Tante Bescheid?“
„Über was?“
Jake blickte ihn ungläubig an. Er wedelte mit seiner Tasche voller Pinsel. „Über—“
„Oh!“, machte Kon. Er öffnete die Tür und sah ins Wohnzimmer, wo Martha an etwas Superman-Blauem strickte. „Hey, Ma. Ich will in der Schule einen LGBT-Club starten. Jake hilft mir dabei. Macht‘s dir was aus, wenn wir die Küche besetzen?“
Von Jake hinter ihm war ein erstickter Laut zu hören.
„Macht ruhig“, antwortete Martha, „Ich hab nur einen Eintopf auf dem Herd. Und in der Küche steht Zitronenkuchen. Aber verdirb dir nicht den Appetit!“
„Nein, Ma’am“, versicherte Kon eifrig. Er hielt Jake mit dem Fuß die Tür auf, während er mit seinem eigenen Armvoll Materialien so überzeugend wie möglich kämpfte. Als sie beide im Haus waren, lud er seine Last auf der Couch ab und beugte sich über Marthas Sessel, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben.
„Mach schon, geh die Welt retten“, meinte sie trocken, ein Funkeln in ihren Augen.
„Immer doch“, murmelte Kon so leise er konnte zur Antwort.
Martha tätschelte seine Hand und Kon richtete sich auf, um sie wieder in Ruhe zu lassen. „Oh“, meinte sie, als er schon fast zurück in der Küche war, wo Jake bereits in der Tür auf ihn wartete, „Da fällt mir ein. Tim hat vorhin für dich angerufen.“
„Aber ich hab doch erst—“ Kon erstarrte und sein Blick flog zwischen ihr und Jake hin und her. „Äh“, machte er, „Jake, ich muss grad – Bin gleich wieder da. Nimm dir was vom Kuchen.“ Er eilte die Treppe hinauf und in sein Zimmer. Sobald er die Tür hinter sich geschlossen hatte, wählte er Alvin Drapers Nummer.
Tim hob beim ersten Klingeln ab. „Wärst du so nett, mir zu erklären, warum mein Labor voll mit dreckigen Sportsocken ist?“, fragte er zur Begrüßung.
Kon setzte sich auf sein Bett. „Weil saubere für einen DNA-Test nutzlos wären?“
Es gab eine lange Pause, bevor Tim meinte, „Wie bitte?“
„Ich hab nachgedacht“, setzte Kon an, während er sich die Schuhe von den Füßen streifte und es sich bequem machte, „Matt ist in einer Umkleide gestorben, nach dem Unterricht, richtig? Wer war also nach dem Unterricht noch in der Turnhalle?“ Er machte eine Sekunde Pause, um Tim das verarbeiten zu lassen, bevor er fortfuhr: „Football-Training ist hier das ganze Jahr über. Ein Traum für die Sportskanonen. Und ich hab nachgesehen, sie hatten am Dienstag Training.“
Tim verstummte. Kon hörte nicht eine einzige kleine Bewegung, obwohl Tim immer Multitasking betrieb. „Du hast mir DNA-Proben vom gesamten Team gebracht?“
Kon war sich nicht sicher, was Tims Tonfall bedeutete, so dass er einfach weiter plapperte: „Ich hab sie mit den Spind-Nummern gekennzeichnet. Wenn irgendjemand ein Meta ist, müssen wir nur noch rausfinden, wessen Spind es ist und schon haben wir einen Verdächtigen, der am Tatort gewesen sein könnte. Ich mein, es ist noch kein Beweis oder so, aber es würde uns einen Anhaltspunkt geben…“ Tim sagte immer noch nichts, weshalb er noch hinzufügte: „…oder? Und jeder verliert sowieso ständig Socken, weshalb die es wahrscheinlich nicht mal merken…“ Er verstummte.
„Das ist…“, begann Tim und Kon ließ sich zur Seite fallen, um sein Gesicht im Kissen vergraben zu können. Es war eben doch eine dumme Idee gewesen. Er hatte gedacht, dass— „…richtig clever“, beendete Tim seinen Satz. Er klang aufrichtig beeindruckt.
Kon schälte sich aus dem Kissen. „Echt? Ich mein—“ Er räusperte sich. „Ich bin eben ein ziemlich cleverer Typ.“
„Bist du wirklich“, stimmte Tim zu. Er lächelte – breit. Kon konnte es aus seiner Stimme hören. „Es ergibt Sinn. Ein niedrigstufiger Meta würde einen verdammt guten Linebacker abgeben.“
„Letzten Herbst haben wir 16 zu 0 gespielt.“
„Hm“, machte Tim und Kon lächelte bei dem deutlichen Wohlgefallen in seiner Stimme. „Das wird eine Weile brauchen. Es ist viel, durch das ich mich da durcharbeiten muss. Ich ruf dich an, sobald ich ein Ergebnis habe. Und Kon?“
Kon setzte sich auf. „Ja?“
„Gute Arbeit“, sagte Tim.
Kons Herz machte einen kleinen Satz und er grinste. „Tja“, meinte er, „Ich wurde eben von dem Typen ausgebildet, der vom großartigsten Detektiv der Welt ausgebildet worden ist.“
Er konnte Tims Lachen lediglich eine knappe Sekunde hören, bevor er auflegte, aber das war schon genug. Kon musste sich sehr bewusst bemühen, seine Füße auch den Boden berühren zu lassen, als er zurück nach unten in die Küche ging.
Jake war bereits halb mit dem ersten Poster fertig, als Kon zur Tür herein kam. Er sah auf, als Kon sich ein Stück Kuchen abschnitt. Als Kon sich neben ihn setzte, konzentrierte er sich wieder darauf, Buchstabenkonturen zu zeichnen. „Wer ist Tim?“, fragte er.
„Äh.“ Kon biss von seinem Kuchen ab, während er sich überlegte, wie er darauf antworten sollte. „Ein Freund“, meinte er schließlich, „Von außerhalb.“
„Oh“, gab Jake ohne aufzusehen zurück, „Metropolis?“
„Nein“, antwortete Kon, „Gotham.“
„Das ist ganz schön weit weg. Ihr seht euch wahrscheinlich nicht sehr oft, oder?“
„Wir sehen uns die meisten Wochenenden“, meinte Kon etwas unbeholfen, „Wir sind schon sehr lang befreundet.“ Er sah Jake über die Schulter und zum Poster, an dem er gerade arbeitete. Jake sah immer noch nicht auf, stattdessen konzentrierte er sich auf die Buchstaben, die er malte, sein Kiefer angespannt. Es sah echt gut aus, außer— „Äh… Ich glaub, du hast ‚Allianz‘ falsch geschrieben.“
Jake fluchte heftig in seinen nicht vorhandenen Bart und knüllte das Poster zusammen.